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agas’ Album des Monats (Februar 2012) |
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Mit illustren Helfern durch Räume und Zeiten: Jakob Bros “Balladeer” hat einen überragenden Nachfolger |
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Im Frieden mit sich selbst |
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Jakob lebt und arbeitet in Kopenhagen. Angefangen hatte er als Trompeter, war dann aber sehr entschiedne umgestiegen auf die Gitarre. "Jakob has something going on", sagt später Bill Frisell über ihn, "this egoless thing .There's a quality he has as a person that allows the music to happen", einer, der sein Ego so weit zurückdrängen kann, dass er der Musik Raum zum Atmen gibt, ihr Platz verschafft. Raum, Platz, Zeit, das sind Begriffe, die sich offenbar im Bewusstsein des jungen Dänen festgesetzt haben, vermutlich auch schon, als er sich noch, in Windeseile, seine Sporen verdiente als Sideman etwa von Joe Lovano, Tom Harrel, Tony Malaby, von Joey Baron, Ben Monder oder auch Kurt Rosenwinkel. Monder und Rosenwinkel, das ist auch die Ecke, wo man Jakob heute sehr gut verorten kann, 2009 etwa auf Tomasz Stankos ECM-Album "Dark Eyes". Etappen der Inwärtswendung eines nachdenkenden, nachdenklichen Jazzmusikers, der kurze Zeit nur an der Königlich Dänischen Musikakademie zubrachte, bevor er dann doch lieber an die Berklee und danach an die New School in New York wechselte. Dort traf er auf Mark Turner, auf Chris Cheek, den nachmaligen "Balladeering"-Ben Street und auf Steve Cardenas, die Freunde und Auftrittskollegen wurden. 2002 bekommt er dann seine große Chance, mit der Paul Motian Electric Bebop Band auf Tour zu gehen; vier Jahre später ist er auf Motians "Garden of Eden"-Album (ECM) zu bewundern. Dem Schlagzeuger verdankt er den Kontakt zu Frisell, ohne Zweifel entdecken die beiden Wesensverwandtschaften. Kein Wunder, dass Motian und Frisell schon 2007 ("Pearl River") und 2008 ("The Stars Are All New Songs") auf Bro-Alben vertreten sind, denen kurz danach dann "Balladeering" folgt: Die drei Alben stehen denn auch für die stilistische Transitionen des jungen Skandinaviers, der sich vom rebellischen Neo-Bopper zum Reisenden durch Räume und Zeiten auf ganz eigenem Ticket mausert. Und er komponiert, entdeckt die Offene Form und das Spiel mit dem Raum und meint dazu: "Ich mag es, eine bestimmte Art von vibe oder Stimmung aufzubauen, die jedem erlaubt, er selbst zu sein. Wenn ich Lee Konitz für Aufnahmen anheuere, dann möchte ich nicht, dass er alles Mögliche an schwierigen Noten liest; ich möchte, dass er in eine Situation versetzt wird, aus der heraus er so viel wie möglich von sich selber geben kann." |
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Vier im geschlossenen Kreis |
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Und der ist 84, als er Mitte September letzten Jahres mit Jakob, Bill und dem Ausnahmebassisten Thomas Morgan ins New Yorker Studio geht, um "Time" aufzunehmen [Loveland Records LLR013]. Und das ist ein Alter, in dem ein Saxophonist dieser Statur in der Tat musikalisch viel zu erzählen hat, wenn man ihn lässt. "Fragile Tongedichte" nennt Jakob Baekgaard das in einer Rezension vom Jahresende für allaboutjazz.com. Und sein Namensvetter an der Gitarre habe "nie die intuitive Kraft seiner Musik" verloren. "Egal, mit wem er spielt, da gibt es nie irgendwelche Redundanzen; vielmehr wird bei ihm die Musik zum Spielplatz, auf dem alles passieren kann." Und nun also das Quartett mit Morgan statt Street, einem Bassisten, der auf höchst bemerkenswerte Art das Fehlen des Schlagzeugs zu kompensieren weiß und der sich ganz offenbar völlig zu Hause fühlt in einem Kontext der lückenlosen Schönheit, der Intimität, der unerzwungenen Ruhe, der Stille und einer Einfachheit, die allen Ballast auf dem Weg ins Innere der Musik mühelos beiseite räumt. "Time" ist pure Poesie, ein intimes Spiel nicht mehr nur mit dem Raum - wie ein Maler vor seiner großen weißen Leinwand -, sondern mit der Zeit. Wenn man diese acht Stücke hört, reist man, fließt man gleichsam mit in der oder auf der Zeit, ein Gefühl, wie man es ganz selten auf diese Weise im Jazz vermittelt bekommt. Wer so spielt - das betrifft alle vier -, scheint ganz einfach (!) im Frieden mit sich selbst. Balladeering" war ohne Zweifel zuallererst ein Konitz-Album. "Time", als CD und LP veröffentlicht, ist das Album von Lee Konitz und dem wunderbaren Thomas Morgan, und, sagt Jakob, das transparentere Setting ohne Schlagzeug ist dafür die beste Voraussetzung - schon äußerlich: "Wir haben 'Time' auch anders aufgenommen als 'Balladeering'. Alle im selben Raum - wir sitzen mit Kopfhörern alle in einem geschlossenen Kreis zusammen." Bro schrieb alle acht Stücke binnen einer Woche allein in einem Häuschen am Meer in Dänemark. Und falls man das fürs Hören der Stücke wichtig findet, muss man auch daran denken, dass Dänemark nicht Norwegen, sondern ein flaches kleines Land ist, das sehr wahrscheinlich eher zum Philosophieren über die Zeit Anlas geben kann als sie anderen skandinavischen Nachbarn. Es gibt keine Hast, keine Eile in diesen Stücken, die allesamt Assoziationen von Weite, von räumlicher und zeitlicher Ungebundenheit anregen. Schon "Nat" setzt die Akzente: Schwebende Gitarrenklänge, Konitz' Spiel fast wie das einer Shakuhachi, getragen, überaus persönlich, voller Wärme und Weisheit, Rücksicht und Sparsamkeit. "Nat" macht das Programm hörbar: das gesamtklangliche Übersetzen mählich verfließender Zeit, das alles über eine einzige Grundharmonie. "Cirkler" bietet eine einfache Melodie, wieder über einfach gehaltene Changes für die größere Freiheit im Improvisieren, freie Reflexionen without time, Zeit-Losigkeit, die Aufhebung von Zeit mit Bros Arpeggios und Frisells mit dem Altsax mitgehenden Linien. Es gibt sanfte, sparsame Variationen, in denen Morgan seine behutsamen rhythmischen Markierungen in den Fluss hineintreibt. Und so bald der Bass auch nur die Andeutung von Swing macht, reagiert der alte Herr am Sax sofort. Konitz, das bedeutet sparsam, bedächtig, nicht andächtig, lyrisch. "Simple Premise" ist das erste Trio-Stück ohne Sax. Jakob und Bill legen die harmonische und atmosphärische Palette aus, und Morgan spielt wie buchstäblich aus der Zeit gefallen und tupft winzige, unaufdringliche Akzente in diese Landschaft der größten Ruhe. "Swimmer" stellt das zentrale Statement über drei Akkorde vor, VIIb-IV-I, und Konitz kommt erst in der zweiten Hälfte dazu, warm, wie ganz für sich und doch ganz mit den anderen. Auch der "Northern Blues" kommt mit sehr wenigen Akkorden aus, Bros Arpeggios und Frisells zurückhaltenden Linien oder Doublestops, bevor er die Sax-Melodie verdoppelt und herrlich zwischen Dur und Moll balanciert. Konitz' warmes Spiel kontrastiert unerhört reizvoll gegen den elektrischen Klang der Gitarren, und der Bass füllt seine Mittleraufgabe völlig aus. "Fjordlands" stellt eine vergleichsweise geradezu lebhafte Melodie mit durchaus "griffigen", einfachen Akkorden vor. Man bleibt bei Drei-, maximal Vierklängen für ein Mitsing-Stück, dem Frisell einen sparsamen Country-Touch verpasst. Auch das ist im Grunde ein Triostück, in dem Konitz eher begleitende, dezent ausschmückende Funktionen übernimmt. "Yellow" ist harmonisch etwas komplexer. Die Farbe Gelb, warmes Gelb dank Lee Konitz und Thomas Morgan. Die Sax- und Gitarrenstimmen "spielen" nicht mehr im üblichen Sinn, sondern "fließen" gleichsam, wie getragen auf den fast unbemerkbaren Tälern und Bergen der schwingenden Zeit, in der man mehr Sommer ahnt als nordisch kaltes Weiß. Und zum Ende "Smaa dyr", der Ausklang im Trio ohne Sax, akustische Gitarre und Bass, Poesie pur, von größter Zerbrechlichkeit und doch größter emotionaler Stärke. Und da ist es ganz und gar Thomas Morgans Spiel-Platz. "Time" gehört zu den schönsten, poetischsten, man könnte fast schreiben: therapeutisch nachhaltigsten Alben überhaupt. Es ist wohl auch Jakob Bros schönstes Album. Nur, der spielt hier als Primus inter pares, als einer von vieren. Wie hatte Bill Frisell doch so schön unübersetzbar treffend gesagt? "Jakob has something going on, this egoless thing .There's a quality he has as a person that allows the music to happen" Hier geschieht Musik. Wie die Zeit. Die der Raum. So schrieb das der Dichter Ezra Pound: "The fourth; the dimension of stillness./And the power over wild beasts." |
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Hörbeispiel aus “Simple Premise” |
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