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9th Fret |
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Chefökonom Daniel Stelter als Gastgeber für einen Spar-Gipfel der ganz anderen Art |
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Streich-Konzerte im Kopf des Gitarristen |
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"Ich wollte eine verständliche und zugängliche Jazzplatte machen", zitiert ihn ein PR-Handout, "mit einfachen Themen, meinem eigenen Gitarrensound, der sich eher gesanglich orientiert, eine Platte, die neugierig macht, rhythmisch geprägt ist und verschiedene Stilelemente - sei es Jazz, Bluesroots, Groove oder Filmmusik - importiert, ohne dabei beliebig zu sein." Das ist ein Satz, den man heute, vielfach variiert, aber im Kern eng verwandt, vielerorts hören oder lesen kann. Die Sehnsucht nach Einfachheit des Ausdrucks und Kommunizierbarkeit ist zeitgeistkonform, und die synkretistische Verarbeitung zum Teil vieler Einflüsse scheint heute in breiter Front selbstverständlich. Allerdings: Zwischen der Programmatik und der klingenden Realität klaffen vielfach beträchtliche Differenzen. Daniels "Krikelkrakel" dagegen ist ein sehr erfreuliches Beispiel dafür, dass sich Theorie und Praxis sehr wohl entsprechen können. Die 13 Stücke der aktuellen CD sind das Werk eines Quartetts, das sich offenkundig einig weiß in der zitierten job description: Die Chemie zwischen Daniel, Ulf Kleiner an Fender Rhodes, Orgel und Klavier, dem Drummer/Perkussionist Tommy Baldu und Michael Paucker an E-, Akustik- und Moog-Bass ist immer die beste und das nicht nur dort, wo Komposition und/oder Arrangement das Zusammenwirken steuern. Das Gros der Stücke stammt von Stelter und Kleiner, auch der Song "Mail Art", dessen Titelgebung der PR-Text zum Anlass nimmt, auf den Konzeptgedanken hinter dem Album hinzuweisen, der sich orientiere "an der Idee der Mail-Art, einer Kunst, die auf dem Postweg entsteht. Ein neutraler Briefumschlag geht durch viele Künstlerhände, aus dem Standardbrief wird ein Kunstwerk, und je öfter ein Umschlag verschickt wird, desto größer und vielfarbiger wird das Werk, das aus ihm entsteht" - ein hübsches Bild, hübscher als die lapidare Feststellung: Hier liefert jeder seinen kreativen Beitrag... |
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Der Mark Knopfler der Jazzgitarre? |
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Meine erste Reaktion auf den gitarristischen Teil des Titelsongs "Krikelkrakel" war diese: Ist Daniel Stelter der Mark Knopfler der Jazzgitarre? Er greift die Töne heraus, spielt auf abgedämpften Saiten, erzeugt Wirkung mit ökonomischem Spiel in einem interessanten Arrangement. Da gibt es den dezenten und durchaus sinnfällige Einsatz des Effektpedals und, vom Pianisten, der kleinen elektronischen Anreicherungen. Das Klaviersolo wird zu einem ersten sparsam-kantigen Salut für Monk. Die Musik insgesamt findet extrem nah am Ohr des Hörers statt, die Präsenz vor allem der Gitarre ist wirklich überraschend, aber für Stelter das Normale: Statt der üblichen "Räumlichkeit" herrscht hier wie in allen Stücken keine Enge, sondern erstaunliche Nähe und Intimität. Das Gros der Stücke stammt übrigens vom Tandem Stelter/Kleiner. "Clockticks", von Daniel allein geschrieben, reflektiert intelligent die Unwiederbringlichkeit verflossener Zeit und bekommt neun Stücke später mit "Seconds, Minutes, Hours, Days" eine Art gedanklichen Überbau, in dem das Reduktive des Gitarrespiels noch gesteigert wird. Das erwähnte "Mail Art" macht die Präsenz der Gitarre besonders deutlich, und Daniel signalisiert Bluesnähe, bevor das Klavier noch einmal eine Verneigung vorm großen Thelonious M. ausspielt und damit kongenial Stelters Spiel reflektiert, das, immer unaufdringlich, so wirkt, als habe im Kopf des Gitarristen ein allzeit strenger Redakteur alles herausgestrichen, was nichts zur musikalischen "Information" beiträgt - ein Gedanke, der später in "In a Nutshell" und dann in Daniels "Yellow Room" nochmals bestätigt wird. Vom Tandem Stelter/Kleiner und der famosen Sängerin Fola Dada stammt das erste von zwei Vokalstücken, "On Your Own", eine bluesige Ballade inklusive attraktivem Satzgesang-Dub über das Nachhausekommen in die Einsamkeit. Daniel wirft seine sparsamen Response-Phrasen in die Stille zwischen den Wörtern. Für zwei Stücke, "Pro & Country" und dann das ganz solo gespielte, natürlich besonders schöne "Winter", wählte er die Nylonstring; "Where I'm Going to Be" vom Tandem plus dem "Söhne Mannheims"-Sänger Kosho ist das zweite Vokalstück, ein Ausflug ins klassische, heute durchaus wieder beliebte Homer-Thema der Suche nach dem Nostos, der geistig-seelischen Heimat, hier groovy und arglos-utopistisch verkleidet und so mit einem intelligenten Augenzwinkern vor allem Zuviel an Schwermut bewahrt. "Krikelkrakel": Was sich da im Titel so spielerisch, leicht, locker und erfrischend sorglos ausnimmt, entpuppt sich als sehr geschmackssicherer, Extreme meidender Jazz in bestem Rapport. Und einmal mehr erinnert man sich an den Picasso-Satz, dass man Kunst habe, wenn man nichts mehr hinzufügen und nichts wegnehmen könne. Diese 13 Stücke sind eindrucksvolle Lektionen in Sparsamkeit. Sie zeigen verblüffend, bis zu welcher Genauigkeit - und sogar im Team - das musikalische Malen bildhafter Vorstellungen möglich ist. Und das ist nun mal ein ganzes Stück mehr als nur Gekrakel. |
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Hörbeispiel: aus “Winter” |
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(c) agas |
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