|
Eine Seite, zwei
Verrisse: Der neue Schumacher und gleich zwei neue Willers |
|
|
|
Zu angepasst vs. zu radikal |
|
|
|
Hier gibt's richtig was aufs (Trommel)Fell, erbarmungslos
und ohne Rücksicht auf irgendwas oder irgendwen: Andreas Willers ist Langem ein
avantgardistischer Quer-Schläger mit beträchtlichen Meriten und einer
Biografie, die jeden Gitarre-Liebhaber das Fürchten lehrt davor, wie einer es
mit einer solch anarchistischen Philosophie fast ein Leben lang aushalten
kann. agas hatte im Oktober 2005 Andreas' "Montauk" sehr
gelobt [s. hier]. Nur, leider radikalisiert der Berliner seinen eigenen
Output (das trifft's genauer als "Musik") jedenfalls immer noch ein
gutes Stück mehr, so sehr, dass jetzt gleich zwei Alben auf einmal von ihm da
sind, die beide übrigens fast die gleiche klein gedruckte Widmung im Booklet
tragen und sich im Wesentlichen nicht groß, in einigen Details aber doch voneinander
unterscheiden. Das ist zum einen "Drowning Migrant" [Leo
Records LR 532], und das ist zum zweiten "Orange Years"
[jazzwerkstatt jw 057]. Andreas tritt gern oder vielleicht sogar am liebsten
allein auf, im Studio oder im Konzertsaal, und das geht immer sehr gut, weil
er 1) immer ein geneigtes Publikum vorfindet, das sich in seinem
avantgardistischen Anderssein vermutlich mächtig gut fühlt und 2) immer alles
dabei hat, womit er sein Output erzeugen kann. Unter anderen ist das die eine
oder andere Gitarre, sogar auch mal ein Banjo, ein E-Bass, eine Melodica, ein
Schlagzeug und vor allem - "Devices". Das ist englisch und
bedeutet: jede Menge Hard- und Software, um Loops und ähnliche Dinge zu
erzeugen und einen ziemlich erwachsenen Mann irgendwie kreativ mit sich
selber spielen zu lassen. Auf der "Orange Years" immerhin hört man
ihn in Stücken wie Ray Browns "Parking Lot Blues" oder dem eigenen
"Tuesday ends Saturday" coram publico im Ego-Duo echte
E-Gitarrentöne spielen. Das aber kommt doch eher selten vor. Stücke auf der
zweiten CD heissen mehrheitlich und absolut treffsicher "Haufen",
gefolgt von Einzelbuchstaben. Es gibt auch ein Stück "The industrial
Banjo (revised)", in dem man überhaupt kein Banjo hören kann. Dass solch Lärm, Gekreisch, Gequietsch und Gewimmer von
wahren Kennern als "Musik" verstanden wird, liegt wohl daran, dass
sie in Zeiten leben, in denen man für Jeans mit Löchern drin mehr bezahlen
muss als für Jeans ohne. Ich muss da irgendwas mit Proudhon und seiner
Anarchie und all diesen Sachen falsch verstanden haben. Jedem halt das Seine.
In diesem Falle: die eigene Gruft. Irgendwie, irgendwo hat Musik, glaube ich,
doch was mit Konsens und Diskurs zu tun, oder hör' ich das falsch? In musikalischer Hinsicht völlig anders liegt der Fall mit
Richard Schumachers neuer
Absonderung. Schon im letzten Sommer hatte er uns gequält [s. hier],
seinerzeit mit seiner Gruppe Vibe Tribe und neun Stücken, jetzt ohne Vibe
Tribe und mit nur sieben Stücken. Dasss sein Sadismus sich von dem
Willerschen um 180 Grad unterscheidet, liegt an seiner unausrottbaren
Seichtheit, seiner musikalischen Belanglosigkeit. Auf "Views" vom
letzten Jahr eröffneten er und seine massenhaften Mitmusiker eine Art
All-American Supermarkt nach der immer noch hirnrissig-naiven Devise "Je
größer, desto besser", ergo: Quantität statt Qualität. Die Menge der zum
Teil illustren Sidemen, die pure Größe des Orchesters, die Streicher etc pp
hätten problemlos die Berliner Waldbühne füllen und tödlich langweilen
können. Daraus hat Richard gelernt und nun auf "Waterlilys"
[Straightvibe Records SVR 2001-2] für dasselbe Label zwar das das Gleiche
gemacht, aber diesmal im Quartett. Das macht die Sache nicht besser. Er
selbst spielt neben Gitarren inkl. Dobro noch Zither (!), ein bisschen
Keyboards, programmiert die Computer und haucht vervielfältigte
Backgroundvocals hinter seine eigenen bescheiden-aseptischen Gitarrenlicks,
die eigentlich immer nur Fills sind. Die Musik ist dem Titel gemäß eine
verwässerte Angelegenheit ohne Höhen und Tiefen. Ein Stück wie "Honey
Delta Blues" verspricht, was es nicht hält, eine öde, von unendlicher
Wiederholerei geprägte Peinlichkeit mit klirrender Telecaster als
Rhythmusinstrument mit zwei Akkorden. Pure Einfalt. Die sieben Stücke sind
quälend öde, charakterlos und glatt gebügelt bis zur Beliebigkeit, ohne
Dramaturgie - amerikanisches Ohrenpulver, das es noch nicht mal in die Top
Forty schaffen würde. Kümmerlich, kümmerlich, aber begleitet von einem
Werbeaufwand, der nur eine Frage zulässt: Ist das Business eigentlich noch zu
retten? |
|
|
|
|