Nach “The Uplift” jetzt “On Wings”: Axel Schultheiss macht der Seele Flügel

 

Klänge direkt aus der Mitte

 

Das wäre die richtige Musik gewesen zu so manchen Veranstaltungen des diesjährigen Buchmesse- Gastlandes China, obwohl die Poesie, die in dieser Musik steckt, eher von japanischer Ökonomie als von chinesischer Freude an rotgolden flammenden Rhythmus- Eruptionen geprägt scheint. Nein, kein Schlagwerk hier, sondern lauter Hommagen an das Innere der Klänge: Axel Schultheiss regt zum Nachdenken an über den frappanten Gegensatz westlichen quantitativen und östlichen qualitativen Denkens. Also: Nicht "mehr" und "lauter" und "schneller", sondern "weniger" und "wesentlicher".

 

Das ist kein Spinnkram, sondern so ähnlich muss es in der Welt der Klänge von Axel Schultheiss aussehen bzw. sich anhören. Und zu revidieren ist jetzt im Zusammenhang mit seiner neuen Platte, "On Wings" [Ozella music OZ 020], was ich im Januar letzten Jahres zu seinem Album "the uplift" meinte: dass er in seiner Art, mit der Gitarre umzugehen, an Uwe Kropinskis kultiviert-musikantische Herangehensweise erinnerte. Das mochte für "the uplift" auch noch stimmen; jetzt, für "On Wings" stimmt das ganz und gar nicht mehr.

 

Dass, sprachlich, dem "uplift" das "on wings" folgt, bezeichnet eine Entwicklung, die als Bewegung beginnt und als Zustand endet. Sehr viel weiter philosophieren mag man hier nicht; die Sorge einer doch etwas übertriebenen Selbsteinschätzung, durch die - vermutlich - eigene Musik in einen quasi-buddhistischen Zustand zu gelangen, auf den nicht wenige buddhistische Mönche ihr Leben langen warten, ist da denn doch etwas zu groß. Und vermutlich hat Axel das in seiner Wahl der Alben-Titel auch nicht gemeint. Und falls doch?

 

Wie auch immer - "On Wings" ist ein Album, das ostasiatische Assoziationen nahe legt und nahe legen will. Spätestens in den drei "koan" wird das mehr als deutlich, wenn da erst einmal ein (Asiaten allerdings fremder) mächtiger Akkord erklingt, über wer weiß wie viele Saiten hinweg, dann noch ein, zwei solcher Polychords und dann eindeutig die fernöstliche Annäherung, das spacing, also das wunderbare Spiel mit dem Raum, die Klänge, die er aus halbgestoppten Saiten zieht, chinesisch perkussiv. Das sind alles keine

 

At-random-Scherzchen, die sich ein pfiffiger Phantast ausgedacht hat, ungefähr so, wie sich Peter Ustinov sein "Arabisch" ausgedacht hat; das sind ernst zu nehmende und vollkommen gelungene Annäherungen, tonal, perkussiv, gestalterisch und bis in die zugrundegelegten Skalen hinein. Das sind sozusagen klingende Mantras, eben koan, klingende Aufforderungen zur Meditation tief in den stark aufgewerteten Einzeltönen und den sparsamen und gerade deshalb so intensiven Harmonisierungsweisen. Nichts zu viel, nichts zu wenig, das gute, alte Lied von dem, was wirklich Kunst ist.

 

Axel fällt nie in irgendwelche selbst oder von anderen ausgerittenen Pfade hinein. Es gibt keine Licks. Und der Computer ist hier ausschließlich dazu da, zu helfen und nicht etwa, um Hauptrollen zu übernehmen und Wirklichkeiten zu ersetzen wie Animationsfilme reale Menschenwesen ersetzen. Es tut in kleinerem Format, was vor ungefähr 25 Jahren schon Jan Akkerman mit seiner SynthAx machte - eine Form des Over- oder Underdubbings, die hier auf "On Wings" ihre wunderbarste Legitimierung erfährt.

 

"Melody" heißt das erste der 14 Stücke - ein beeindruckend einfacher Name für eine Folge von Tönen statt Akkorden, nur Tönen, die langsam fallen wie Tropfen, auf die das Zusammenspiel mit sich selber einsetzt, betörend in der höhenbetonenden harmonischen Wirkung. So werden synergetische Vorgänge zu purem Impressionismus, wie er purer gitarristisch noch nicht zu hören war. Würde Debussy leben und spielte er Gitarre, dann wohl genua so. Er kehrt zurück zu der "Melodie", den gleichsam tropfenden Tönen, als würde jedem einzelnen erst hinterhergedacht, Ton für Ton, ohne jede Hast und die Stille zwischen ihnen Teil von ihnen. Musik am Rand zum Schweigen.

 

In "Morning Call" geht es ähnlich und doch ganz anders zu, rhythmisierter, in der Phrasierung fast jazzah, und dann, im Titlsong, gibt es groß angelegte Loops wie Klangblüten,die sich riesengroß und eine nach der anderen entfalten. Bei dieser Musik nicht in so etwas wie das bhudhistische wu-wei, das kathartische Nichtstun (das wir Okzidentalen nicht begreifen), fällt regelrecht schwer. Das hat etwas Trancehaftes, etwas von Trance, Traum, Entschlackung, Ruhe. Und als letztes Stück dann "The Plain Sea", die sich für westliche Geister sehr viel schwerer "übersetzen" lässt als das aufgewühlte, wütende, rächende, drohende, zerstörende und verschlingende Meer. Still liegt das Meer vor diesem Musicus. Und da ist die Ahnung von dem, was satori meint, die tiefe Ruhe, Ausgeglichenheit und Gelassenheit, wie wir auf dieser seltsamen Seite der Welt sie kaum kennen: die Mitte, chung.

 

Aber wenn man Axel Schultheiss' "On Wings" hört, dann ahnt man wenigstens etwas davon. Glücksgefühle gibt's auch ohne nähere Kenntnisse der anderen Erdhälfte. Dazu braucht's nur ein paar feine Antennen und eine Seele hinter nicht zu dickem Fell.

 

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