Dietmar Osterburg mit seinem zweiten Album - und noch mehr Grund zum Jubeln

 

Balance im Jemandsland

 

Eigenartige, traumhaft schöne Harmonien. Die Atmosphäre dicht wie zum Hineingreifen. Sehr selten oder nie gegangene Wege für Einzeltonlinien zwischen größter Freiheit und schier unerschließlichen Bindungsgesetzen. Themen, die sich in ihrer Logik erst nach und nach, oft erst am Schluss erschließen: Der Jazz des Gitarristen Dietmar Osterburg ist eine Offenbarung, mehr noch, als er as schon 2007 war, als ich hier in agas im August des Jahres schrieb:

"Und so sei es hiermit laut und ungehemmt herausgejubelt: "for a while", das Debüt-Album des Dietmar Osterburg Trios [AO-NRW 3050] ist ein Schatz, eine Offenbarung, eine Riesenfreude [...]. Es ist das Album der Superlative schlechthin, die wunderbare Tat eines wunderbaren Trios - mit André Neygenfind (b) und Eddie Filipp (dr) -, ein Album, dem ganz einfach überhaupt nichts fehlt. Die drei geben ihr Allerbestes [...]. Dietmar, ein Gitarrist von verblüffend starker, intensiver Aussagekraft, ganz markanter, persönlicher Stimme und außerordentlich sicherem Sinn für gekonntes "spacing", linear, akkordisch oder (wie in der langen Intro zu "Für Udo") chord melody/fingerstyle, lässt keinen Wunsch unerfüllt. Der Sound ist im Großen und Ganzen klassisch [...]. Sein improvisatorischer Haushalt verfügt über schier unbegrenzte Möglichkeiten; seine Beherrschung auch der raschen, dramaturgisch immer ganz "auf den Punkt" eingesetzten Wechsel von Singlenotes zu Akkordik ist stupend, und diese Akkordik, das Spiel mit den zu Gebote stehenden Möglichkeiten, ist von ganz ähnlicher Faszination wie die Unerschöpflichkeit und Pointiertheit seiner linearen Statements und Exkurse. Sein Spiel ist zupackend und, vor allem, von überraschend ausgereifter, wirklich heutzutage ganz erstaunlich eigener Handschrift."

Das war, vermutlich ist das zu merken, ein einziger ungezügelter Wonneausruf purer Begeisterung. Und da yours truly von von kritischer Kühle und Distanziertheit sowieso noch nie so sonderlich viel gehalten hat, sei nun zu Dietmars zweitem eigenen Album nach seiner Rückkehr von satten zehn Jahren ausschließlichen Kontrabassspiels (das er auch beruflich übrigens immer noch praktiziert) noch ein ganzes Stück lauter und mit noch mehr Herzblut herausgefrohlockt: "Inside Out" [nrw-records NRW 9021] ist wie der Vorgänger eine Offenbarung, ein Schatz, ein Glücks-Fall, der vor allem die Frage ankitzelt, wohin danach die so genannte "progressive Mainstream-Gitarre" eigentlich noch wandern soll, wenn nicht in die ganz freie improvisierte Musik. Aber wie unser verehrter Braunschweiger Freund und seine beiden Mitstreiter es fertig bringt, immer so dicht in diesem Jemandsland zwischen den Welten die Balance zu halten - das ist schon für sich ein starkes Stück.

Die zwölf starken Musik-Stücke auf der Platte will ich nach dem voluminösen Interview mit Dietmar (die archivierten Teile 1 hier und 2 hier) hier gar nicht mehr im Einzelnen ansprechen oder auch nur kurz "durchgehen", abgesehen von der Feststellung, dass man Dietmar beispielsweise in "Turn Again" auch auf der Nylonstring hören und auch da einfach nur staunen kann über das imposante Niveau seiner Sprache sowohl als Komponist, wie auch als Interpret und improvisateur magnifique. Er hat sich und diesem famos interagierenden Trio Harmonien erfunden, die nicht nur ihm die tollsten, spannendsten, individuellsten und verrücktesten Gänge und Sprünge ermöglichen, sondern seine beiden getreuen Sidemen - auch hier wieder André Neygenfind am Bass und Drummer Eddie Filipp - in die Interaktion hineinlocken wie der Honig den Bären. Was Eddie da zusammenwühlt, ist ganz einfach bewundernswert, und Andrés Kontrabass marschiert nicht wie ein Schritt-Zähler, sondern wie ein permanenter Zustand komplexer rhythmischer Bewegung. Das liegt sehr wahrscheinlich nicht nur an der fast schon zu vorsichtigen Aussteuerung des Bass-Parts, sondern natürlich auch am erstklassigen Rapport zwischen allen drei Musikern. Und das entspricht - siehe dazu auch das Interview - voll und ganz der Osterburgschen Intention des Trialogs auf gleicher Augenhöhe. Und so wird, vereint in dem Vorsatz, Musik zu machen, die sich meisterhaft sicher bewegt zwischen Tradition und aktueller Moderne, aus solch einem Trio eben ein brodelndes, von großer Spannung surrendes Kraftwerk, ein Umspannwerk, das aus brillanten Ideen und Konzeptionen brillante Musik macht - brillant, aber ohne Lametta und virtuose Showoff-Effekte. Die hat von diesen dreien keiner nötig.

Was sonst noch? Nach "For a while" nun also "Inside Out". Völlig unerklärlicherweise war das Echo auf den Erstling beileibe nicht so, wie unsereiner das erwartet und dem Album und den dreien von Herzen gewünscht hatte. Wenn "Inside Out", das neue Album mit dem mehrdeutig-raffinierten Namen, nicht endlich die Wirkung auf Kritik und Jazzwelt erzielt, die es meiner Ansicht nach einfach erzielen muss, dann kann mit der Rezeption Bereich der modernen Jazzgitarre wirklich nur allerhand ganz bös' im Argen liegen.

Und wer jetzt immer noch (oder erst richtig) Lust auf Dietmar, das Trio und das neue Album hat, der gehe am besten schnurstracks zu dem Interview.

 

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