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Dietmar Osterburg: Das Interview (nicht nur ) zu seiner neuen
Trio-CD - Teil 2 |
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“...bevor der Zug abgefahren ist” |
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Am 30. Januar ist endlich das neue Album "Inside Out" des Dietmar Osterburg Trios erschienen. Aus diesem Grunde, vor allem aber, weil agas schon Dietmars 2007er Debüt "For a while" [hier] für eine der wichtigsten und markantesten Veröffentlichungen im Jazzgitarre-Sektor nicht nur im deutschen Raum hielt und hält, musste es ganz einfach zu dieser eloquenten Begegnung mit dem Braunschweiger kommen, einem "Kennenlern-Gespräch" in King-Size-Format. Hier nun der zweite und letzte Teil... |
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agas: Was ist denn an den Goodrick-Akkorden so anders?
D.O.: Ein Beispiel: Thomas Bostelmann hatte mir immer gesagt, ein Akkord muss so und so aussehen, z.B. in einem Dominantsept-Akkord sind die wichtigen Töne die Terz und die Septime. Also habe ich gedacht, in den Dominantsept-Akkord müssen immer eine Terz und eine Septime rein. Bei Goodrick? Der lässt die Septime auch einfach mal weg und kommt so auf ganz andere klangliche Möglichkeiten.
agas: Ich dachte, die Septime müsste eigentlich immer dabei sein.
D.O.: Ja, dachte ich auch. Heute spiele ich einen Dominantsept-Akkord oft ohne Septime, aber mit alterierten Tönen, #9 und #5 z.B., weil ich den Klang einfach mag, weil er nicht mehr so deutlich ist, aber seine Funktion trotzdem behält.
agas: Meinst du, dass die bei Goodrick im Kopf entstanden oder nicht doch auch zufällig entstanden und dann als anwendbar eingestuft worden sind?
D.O.: Schwer zu sagen. Die Vorgehensweise von Mick Goodrick erscheint mir sehr systematisch. Ich habe sein Heft viele Jahre nicht mehr in der Hand gehabt, aber wenn ich mich richtig erinnere waren da Akkorde dabei, die man in der Praxis eigentlich gar nicht verwenden kann, die ich mir nur über den Kopf erklären kann. Die sind vielleicht auf Basis irgendeiner konzeptionellen Überlegung entstanden, aber wie es klingt und welche praxistauglich sind muss man dann selber gucken. Vielleicht würde ich das heute auch anders empfinden, ich habe wirklich lange nicht mehr hineingesehen.
agas: Sehr interessant, sehr interessant…
D.O.: … aber es war eigentlich eher eine Anregung, selber nach ungewöhnlichen Wegen für Akkorde auf der Gitarre zu suchen. Ich habe stundenlang gesessen und Akkorde ausprobiert um bestimmt 80% davon anschließend wieder zu vergessen.
agas: Na klar. Aber das ist eben ein Katalysator gewesen… So, und nach Hilversum?
D.O.: Ich habe mich dann von Hilversum aus ganz gezielt in Hannover beworben um mein Studium dort fortzusetzen, und zwar hauptsächlich aus privaten Gründen. Aber auch die Möglichkeiten in Bands zu spielen waren in Hannover besser und ich hatte viele Gigs.
agas: Noch mal Jahreszahlen, zur besseren chronologischen Einordnung. Hamburg war…
D.O.: … '85 bis '89. 1989 dann der Wechsel nach Hilversum und ein Jahr später nach Hannover, wo ich 1993 den Abschluss gemacht habe. In Hannover wurde mir das Vordiplom anerkannt, so dass ich gleich mit dem vierten Semester beginnen konnte. In der Zeit hatte ich eine Band mit Nils Wogram [Posaune], der ist Braunschweiger. Ich hatte ihn bei einem Sommer-Workshop kennen gelernt, bevor ich in Hannover anfing. Nils suchte gerade einen Gitarristen für ein Trio im Stil von Chet Baker, mit Philip Catherine und Nils-Hennig Ørsted-Pedersen. Bassist war Stefan Weeke aus Celle; inzwischen lebt er in Berlin. Die beiden kannten sich aus dem Jugendjazzorchester. Viel spielen wollten wir einfach, und da hab' ich dann zwei oder drei Jahre –
agas: Das war die Kompensation für die Defizite. Zu viel Theorie und Technik und zu wenig Musikantisches.
D.O.: Genau. Die waren scharf auf Spielen und wir haben mal hier, mal da meistens in kleinen Läden gespielt. Und Nils ist schon damals, mit 18, 19 Jahren, unglaublich gut gewesen. Der ist auch durch Coltranesche Changes durch, mit seiner Posaune. Ich weiß noch, wie wir in einem Jazzklub in Hannover gespielt haben, und ein Studienkollege, ein Saxophonist, meinte nur: Mensch, wie macht der das?! Das könnte ich ja noch nicht mal auf dem Saxophon, was der auf der Posaune macht! In der Zeit habe ich auch mit meinem eigenen Trio angefangen, mit sehr unterschiedlichen Besetzungen, viel herumprobiert.
agas: Wann kam es denn zu dem Trio, das du jetzt hast. 2007 kam ja die erste CD 'raus. Wie lange existierte da diese Besetzung schon?
D.O.: Zwei Jahre ungefähr… Und damals in Hannover habe ich angefangen, mich mit dieser Besetzung zu beschäftigen. agas: Hast du da schon auf dieser Gitarre gespielt?
D.O.: Nein, Brettgitarre. Die hatte ich noch gar nicht. Ich hatte eine Jazzgitarre, die ich in der Band mit Nils gespielt habe, eine Gibson, eine relativ seltene ES-150D. Die wurde nur ein paar Jahre lang gebaut, von 1969/70 bis ungefähr 1974.
agas: Die hatte gar keinen Cutaway, oder?
D.O.: Die hatte zwei Cutaways. Die hat genau die Form von der ES-335, ist aber dick, wie eine normale Jazzgitarre.
agas: Ich staune nur über die Nummerierung.
D.O.: Es gibt eine ES-150 ohne Cutaway, so eine ganz alte. Die Gibson war jahrelang mein Hauptinstrument. In der Band mit Nils und Stefan habe ich sie immer benutzt, und auch im Studio habe ich sie gespielt. Aber dann im eigenen Trio habe ich zunehmend eine Solidbody benutzt. Ich habe die Gibson auch immer noch, aber wenn ich meine Hahl dagegen höre… die Gibson hat einfach nicht diese Dynamik.
agas: Die Hahl hast du jetzt zehn Jahre, sagst du?
D.O.: Ja, die wurde '99 gebaut.
agas: So, und in Hannover warst du dann wie lange?
D.O.: Drei Jahre. '93 hab' ich jedenfalls Diplom gemacht. Besonders entscheidend für meinen weiteren musikalischen Werdegang war der Kontrabass, den ich in Hannover als Zweitinstrument gewählt hatte. In Hannover konnte man als Gitarrist sein Zweitinstrument frei wählen. Und zu Hause bei meinen Eltern stand noch ein Kontrabass herum, den mein Bruder gespielt hatte. Der spielte nicht mehr und lebte inzwischen in den USA, und das war einer der wesentlichen Gründe, warum ich mich für den Kontrabass entschieden hatte. Unterricht hatte ich bei Detlev Beier. Das hat mir Riesenspaß gemacht, und schon nach einem halben Jahr habe ich in einer Band gespielt, mit Jürgen Friedrich.
agas: Und Kontrabassisten gibt's ja kaum.
D.O.: Als Kontrabassist habe ich jedenfalls sehr viele Gigs spielen können.
agas: - in richtigen Jazzgruppen.
D.O.: Genau. Und hab das dann weiter ausgebaut nach dem Studium und fast nur noch Bass geübt und gespielt und die Gitarre wirklich –
agas: Ja, ja, das weiß ich. Einige Jahre war die weg.
D.O.: Ja, viele Jahre…
agas: Ja, das ist schon sehr ungewöhnlich.
D.O.: Das ist es, ja.
agas: Das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass die Gitarre von einem Kontrabass verdrängt werden kann… O.D.: Ich bin ja auch wieder zur Gitarre zurückgekehrt [lacht]. Jetzt steht der Kontrabass in der Ecke.
agas: Na ja, aber du spielst ja noch, du bist mit dem Instrument ja durchaus noch aktiv. Das ist schon klasse.
O.D.: Ja, das ist richtig. Ich spiele bis heute sehr viele Konzerte, aber auch immer wieder im Theater, Kontrabass. Nach meinem Studium hatte ich noch jahrelang Klassikunterricht bei einem Bassisten des Braunschweiger Staatstheaters – Ulrich Förste – und habe in der Zeit etliche Aushilfen in Orchestern bis hin zum Braunschweiger Staatsorchester gespielt. Mendelssohn- Bartholdy, Mozart, Haydn usw. standen da auf dem Programm.
gas: Gibt es denn eigentlich viel an Kammermusik für Kontrabass? Wohl eher fürs Cello, oder?
O.D.: Viel gibt es da wohl tatsächlich nicht. Den Klassikunterricht hatte ich ursprünglich genommen, weil ich viele Musical-Jobs hatte und da oft mit dem Bogen umgehen musste.
agas: Wie kommt man eigentlich als Musiker zum Theater? Klopft man da und sagt: Ich bin ein toller Gitarrist; können Sie mich brauchen?, oder wie geht das?
O.D.: Könnte man auch machen, aber bei mir war das so, dass ich ´93 als Kontrabassist an dem so genannten Kontaktstudiengang an der Hamburger Musikhochschule teilgenommen habe. Der läuft zweimal im Jahr, jeweils drei Wochen. Detlev Beier hatte mich gefragt, ob ich daran Interesse hätte, weil dort noch ein Bassist fehlte. Und da war jemand, der Musiker für eine Musicalproduktion am Schlosstheater in Celle suchte. Und darüber liefen dann weitere Kontakte. Der kannte wieder jemanden, der ein Engagement als musikalischer Leiter in Hamburg am Schmidt-Theater bzw. Schmidts Tivoli hatte, wo ich in den folgenden Jahren oft gespielt habe.
agas: Ach, ist ja witzig.
O.D.: Das war zuerst "Edith Piaf", dann "Fifty Fifty", "Das Weiße Rössl am Wolfgangsee", alles als Bassist… Ich habe teilweise nur davon gelebt und den Unterricht ganz sein lassen.
agas: Ist das ein harter Job da unten im Orchestergraben, Abend für Abend?
O.D.: Nein, das mir großen Spaß gemacht. Klar, wenn man fünfzig Shows spielt, dann wird das irgendwann langweilig. Aber tagsüber hatte ich viel Zeit, habe viel Bass geübt und komponiert. Die Kollegen und Theaterleute waren sehr nett, man hatte viele Kontakte, das war sehr buntes Leben, das ich später auch manchmal vermisst habe.
agas: Das ist jetzt aus? Das machst du nicht mehr?
O.D.: In Hamburg nicht mehr. Das ist ja jetzt schon viele Jahre her, und ich habe mich auch nicht mehr um den Kontakt gekümmert.
agas: Und wo spielst du jetzt?
O.D.: Aktuell habe ich keinen Job am Theater. Der letzte ist so ein gutes Jahr her, das war am Staatstheater Braunschweig, für das ich als Bassist aber auch als Gitarrist viel gemacht habe, „Evita“ z.B. oder Stücke von Franz Wittenbrink. Aber auch an den Theatern in Hannover und Hildesheim hatte ich Engagements.
agas: Wie ist das denn, wenn man sich - als selbst Kontrabassist - für seine eigene Gruppe einen Kontrabassisten sucht? Wie macht man das? Kommt man da nicht unter Umständen in Konflikt mit sich selber?
O.D.: Das ist 'ne gute Frage.
agas: Na, weil der doch dann eine Position besetzt, die man eigentlich selbst besetzen könnte.
O.D.: Ja, natürlich. Das ist auch wirklich eine gute Frage. Denn ich probiere ja meine Stücke auch immer aus, auch als Bassist. Ich habe dann schon gewisse Vorstellungen. Das stimmt. Wie er spielen sollte…
agas: Ich meine, ob man dann gewisse Anweisung gibt, die man als Nicht-Bassist vielleicht so nicht geben würde.
O.D.: Ja, das kann schon mal vorkommen. Aber doch eher selten. Meistens geht es dann um das offene und kommunikative Spiel, das ich bevorzuge, und darum, dass der Bass nicht zu sehr seine Rolle auf die des Begleiters reduziert und z.B. Walking-Lines spielt, die meist nicht so gut in meine Stücke passen. In der Regel ist es aber eher so, dass man nicht viel sagen muss und dass sich die Stücke im Zusammenspiel entwickeln und dank kreativer Mitmusiker oft in diesem Prozess weiter wachsen und sogar noch besser werden, als man sich das anfangs vorgestellt hatte.
agas: Könntest du dir vorstellen, ein guter Partner in einem Gitarrenduo zu sein, oder ist deine Spielweise dafür nicht so sehr geeignet?
O.D.: Ich habe oft mit Gitarrenkollegen zusammen gesessen und gejammt, auch den einen oder anderen Job in dieser Besetzung gespielt. Ich hatte den Eindruck, dass das immer recht gut funktioniert hat.
agas: - und vielleicht mal irgendwas ganz solo machen? Oder bist du doch eher ein Combospieler?
O.D.: Ich liebe Jazz besonders, wenn er das Kommunizieren mit anderen Musikern ermöglicht. Auch als Hörer geht mir das so. Zweifellos kann es sehr interessant und spannend sein, was ein Gitarrist in einer Solosituation macht. Aber es gibt mir sehr viel mehr, wenn ich es mit lebendiger Kommunikation mehrerer Musiker zu tun habe.
agas: Das merkt man ja auch in euren Aufnahmen, dass die Kommunikation unter euch dreien sehr stark ist. Der Trommler ist ja unablässig am Wühlen…
O.D.: Genau. Das ist für mich sehr wichtig.
agas: Gut. Hannover ade – und dann?
O.D.: Der Abschluss in Hannover mit dem Diplomkonzert meines damaligen Trios mit Willi Hanne am Schlagzeug und Muff Potter am Bass war mein letztes Konzert für viele, viele Jahre als Gitarrist. Zehn Jahre, also bis 2003, habe ich nur noch Kontrabass gespielt. Da gab es etliche Bands und Projekte im Jazzbereich, aber auch eine Salsa-Band sowie die Jobs an Theatern. Mit dem bereits erwähnten Quartett mit Jürgen Friedrich, für das ich auch viel komponiert habe, haben wir mehr als zehn Jahre lang immer wieder gespielt. Eine CD haben wir in dieser langen Zeit leider nie aufgenommen. Als Gastmusiker war Uli Beckerhoff mehrfach mit dabei.
agas: Zu dem bist du dann ja auch als Gitarrist gegangen.
O.D.: Ja, später habe ich auch als Gitarrist mit ihm gespielt. Irgendwann, als ich so Ende 30 war, wollte ich es doch noch einmal ernsthaft mit der Gitarre versuchen, bevor der Zug für mich sozusagen abgefahren war.
agas: Nach zehn Jahren!
O.D.: Nach zehn Jahren, genau. Aber nicht wieder im Trio, denn das erschien mir sehr anstrengend, ein ganzes Konzert lang vorne zu stehen. Das ist für einen Gitarristen sehr anspruchsvoll.
agas: Als Kontrabassist stehst du irgendwo in der zweiten Reihe oder noch weiter hinten oder sogar unsichtbar im Orchestergraben. Wenn man das zehn Jahre lang so gemacht hat…
O.D.: So ist das. Ja, natürlich. Man steht nicht vorne, ist nicht so sehr im Fokus.
agas: Und du bist mehr ein "Dienender".
O.D.: Ja, und das war eine Rolle, die mir durchaus lag. Deshalb habe ich 2003 ein Quartett gegründet. Ich hatte Christian Kappe [Trompete] durch ein gemeinsames Konzert in einem Jazzklub in Hannover, bei dem ich Bass spielte, kennen gelernt und ihn gefragt, ob er Interesse an einer Zusammenarbeit hat. Außer Christian war damals bereits André Neygenfind am Bass. Am Schlagzeug war Klaus Gunnemann, den Christian mir empfohlen hatte und den ich schon aus Hilversum kannte.
agas: Wir war das denn, die Rückkehr zur Gitarre? Hatte die wirklich in der Ecke gestanden?
D.O.: Nein, natürlich nicht immer. Es war ja nicht so, dass ich die tatsächlich zehn Jahre lang überhaupt nicht gespielt hätte, aber ich hatte als Gitarrist keine Band und bin nicht öffentlich in Erscheinung getreten. Mit der Gitarre beschäftigt habe ich mich weiterhin, wenn auch sicherlich nicht so intensiv und mit Pausen. In dieser Zeit habe ich mir auch meine Hahl-Archtop bauen lassen, '99 war das, auf der ich anschließend viel geübt habe.
agas: Also kam die Hahl praktisch pünktlich zu deinem Comeback als Gitarrist.
D.O.: Eher vorher – zu früh [lacht]. Aber das Instrument war für mich eine Motivation, wieder mehr Gitarre zu spielen. Dabei war es am Anfang gar nicht so leicht, mit der zu recht zu kommen. Ich hatte das Gefühl, dass sich eine Solid-Body dagegen fast von alleine spielt. Auf der Hahl muss man schon ein bisschen mehr kämpfen. Auch die 65er Mensur war für mich recht ungewohnt
agas: Wie ist der Hals?
D.O.: Der ist sehr angenehm für mich. Ich hatte damals meine Gibson zu Stefan Hahl mitgenommen, damit er den Hals so ähnlich baut. Ein bisschen dicker ist er geworden, aber wirklich sehr angenehm zu spielen. Das Instrument hat jedenfalls dazu beigetragen, dass ich wieder mehr Gitarre gespielt habe. Und ein paar Jahre später habe ich das Quartett gegründet, worüber ich sehr froh bin, weil ich mich später wahrscheinlich über vertane Chancen geärgert hätte, wenn ich es nicht noch einmal als Gitarrist versucht hätte.
agas: Ein Segen, dass du das erkannt hast, ja. Ein Segen für die Menschheit [Lachen].
D.O.: Ich habe allerdings gar nicht einschätzen können, wie dann später die erste CD ["For a while"] ankommen würde.
agas: Gab's denn andere Reaktionen, andere Rezensionen, ein bisschen Airplay im Funk, so was?
D.O.: Ja, ja… gab es. Viele sehr positive Rezensionen, eine Titelstory in „Gitarre Aktuell“ und einige Interviews. Der Verlag „Nil Edition“ hat einige Stücke von dem Album in seinem „German Book“ veröffentlicht. Und in vielen Sendern liefen Stücke von „for a while“, der Bayrische Rundfunk hat sogar eine halbstündige Sendung über mich gemacht.
agas: Hast du die Sendung?
D.O.: Ja, die hab' ich aufgenommen. Da haben sie drei Stücke von meiner CD gespielt und dann noch Sachen von meinen anderen Tätigkeiten als Bassist.
agas: Gibt's da Sachen?
D.O.: Ja, hauptsächlich diese Django-Reinhardt-Sachen [mit Martin Weiss].
agas: Wann warst du eigentlich überhaupt das allererste Mal in einem Plattenstudio? Ich meine nicht "For a while".
D.O.: Das war, glaube ich, '98 mit dem Kussi Weiss Trio. Das war damals die zweite CD von Kussi, aber die erste, auf der ich mitgespielt habe. agas: Kontrabass.
D.O.: Ja, Kontrabass.
agas: Nach meiner Kopfrechnerei müsste deine Rückkehr so ungefähr mit der Jahrtausendwende zusammenfallen.
D.O.: Eher ein bisschen danach. Ich denke, so 2003? Aber es ist schon richtig, bereits die Jahre davor habe ich mich wieder viel mir der Gitarre beschäftigt, unter anderem mit Sologitarre, habe einiges von Joe Pass transkribiert und ein paar Standards arrangiert, etwas komponiert und einfach viel ausprobiert.
agas: Man musste ja auch erst mal wieder eine Beziehung wiederherstellen.
D.O.: Ja, und ein paar kleine Gigs habe ich in der Zeit auch wieder als Gitarrist gespielt, z.B. mit einem meiner Gitarrenstudenten von der Uni im Duo. Und dann ging es ja bald auch mit dem Quartett los.
gas: Wie warst du auf den André gekommen?
D.O.: André? Mal überlegen. Ja, jetzt -
agas: Und Eddie Filipp [Schlagzeug] ist ja auch ein Name, der noch nicht aufgetaucht ist.
D.O.: Stimmt. Eddie Filipp kenne ich schon sehr lange. Schon in den 90er Jahren sind wir uns in Braunschweig über den Weg gelaufen. Ich habe ihn das erste Mal in einer Fusionband eines befreundeten Pianisten gehört. Das muss Anfang der 90er Jahre gewesen sein. Er war mir sofort aufgefallen. Ein sehr guter Drummer. Später habe ich als Bassist den einen oder anderen Job mit ihm gespielt. André habe ich später kennen gelernt. Ein Kollege aus Hildesheim hatte mich für einen Job engagiert und André war als Bassist dabei. Mit André war von Anfang an das Gefühl da: Das passt. Das Zusammenspiel funktionierte auf Anhieb. Das war später im Trio mit Eddie genauso.
agas: Das merkt man auch sofort. Das ist so schön, dass dieses Trio wirklich aus drei völlig gleichberechtigten Leuten besteht. Du spielst das Lead-Instrument, das ist ja nun mal so, aber wie auch die beiden anderen ihre Rollen ausfüllen, das ist einfach emanzipiert, und darum ist dieses Trio auch wirklich eine Kommunikationsmaschine…
D.O.: Das wollte ich auch immer so haben.
agas: Die Kraft, die aus dieser Platte 'rauskommt.
D.O.: Das Quartett vorher fand ich auch schon sehr gut. Wir hatten in der Besetzung ein Demo mit vier Stücken aufgenommen, da spielt Christian Kappe phantastisch. Ein sehr guter Trompeter. Die Aufnahmen gefallen mir auch heute noch sehr gut. Aus verschiedenen Gründen habe ich dann aber mehr und mehr in der Triobesetzung gespielt. Zum einen wurde mir von verschiedenen Seiten signalisiert, dass das Trio einen sehr eigenen, individuellen Charakter hätte, mehr als das Quartett. Und letztlich war es für mich nur natürlich und logisch, meine schon zu Studienzeiten favorisierte Besetzung wieder aufzugreifen und fortzusetzen. Außerdem war es einfach ein Vorteil, dass die Kollegen meines Trios aus der näheren Umgebung kamen. Christian Kappe und Klaus Gunnemann leben in der Gegend von Münster, das sind ungefähr 250 Kilometer von Braunschweig. Da reichte es in der Regel nur zu einer kurzen Verständigungsprobe vor einem Gig. Im Trio können wie uns ab und zu auch nur für eine Probe zusammensetzen und auch problemlos kleinere, nicht so gut bezahlte Jobs in der Gegend spielen.
agas: Das war ungefähr zwei Jahre vor "For a while", also 2005.
D.O.: Richtig. Auf unseren Konzerten haben wir schon viele Stücke aus dem Programm von "For a while" gespielt.
agas: Seid ihr in der Zeit auch schon ein bisschen getourt?
D.O.: Ja, in einer Reihe von Jazzclubs haben wir gespielt, z.B. in Mainz, Oldenburg, mehrmals in der Gegend von Münster, in Detmold, Berlin und andere.
agas: Und hier in Hamburg? Habt ihr da was unternommen?
D.O.: Ja, im Stellwerk hätten wir spielen können, aber die Bedingungen waren nicht so gut. Ähnlich in Pinneberg. Im Birdland hat Eddie angefragt, da er dort häufiger spielt. Da scheint es schon an der Triobesetzung mit Gitarre zu scheitern, weil der Veranstalter befürchtet, dass sein Klub nicht voll wird. Vergleichbare Reaktionen gibt es des häufiger. Die Musik kommt zwar sehr gut an, zu einem Konzert kann der Veranstalter sich aber leider nicht entschließen, weil er befürchtet, dass zu wenig Zuhörer kommen. Als ich z.B. mit einer anderen Band im Jazzclub Hannover spielte und mein Trio anbot, wurde mir gesagt: Ja, mit einer Sängerin vorne, das wäre gut. Oder wenigstens ein Bläser. Aber Gitarrentrio, nein, da kommen zu wenig Leute. agas: Haben die Gitarre satt, oder woher kommt das? Würde mich aber sehr wundern.
D.O.: Gitarre vielleicht weniger, aber offenbar diese Besetzung. Darum biete ich oft auch Bläser an, wir könnten auch in einer Quartettbesetzung spielen, mit Uli Beckerhoff, Christian Kappe oder anderen.
agas: Könnten die denn jetzt so problemlos einsteigen?
D.O.: Mit dem derzeitigen Programm vielleicht nicht. Aber das könnten wir entsprechend umstellen. Mit Uli Beckerhoff hat das nur mit einer kurzen Verständigungsprobe – wir haben nur die Themen angespielt - wunderbar funktioniert. Ich habe ihm Noten und Aufnahmen vorher geschickt. Und bei dem Konzert hat er phantastisch gespielt.
agas: Ist doch merkwürdig. Wie kommt denn das, dass es in zehn Jahren Quartett [mit Jürgen Friedrich. Das Quartett mit Christian Kappe gab es ca. 2 Jahre] keine Platte gab, aber nach zwei Jahren schon die erste Platte des Trios draußen und ein musikalischer Volltreffer ist? War das Nachholbedarf?
D.O.: Ja, vielleicht schon. Als Gitarrist wollte ich das alles konsequenter weiterführen. Das war mein Ziel. Zum einen als Dokument für mich selbst, aber auch, um zu sehen, was passiert, wenn ich meine Aufnahmen vorstelle.
agas: Ja, aber es ist ja bei der ersten Platte, die du so ein bisschen als Testballon beschreibst, nicht geblieben, sondern weitere zwei Jahre später ist sogar noch eine gemacht worden. Was hat denn dazu geführt? Das heißt doch, ich bin mit dem Testballon von 2007 doch sehr zufrieden gewesen, und da sollte man doch vielleicht noch einen draufsetzen.
D.O.: Genau so ist das. Ich habe auf "for a while“ eine Vielzahl von so positiven Reaktionen bekommen, dass die für mich Ansporn und Motivation waren, weiterzumachen mit dem Ziel weiterer Veröffentlichungen.
agas: Na klar, positive Kritiken beflügeln natürlich auch.
D.O.: Eindeutig, ja.
agas: Kristallisiert sich da ein Zwei-Jahres-Rhythmus heraus?
D.O.: Es wäre schön, wenn ich das schaffe, ja. Versprechen kann ich jetzt nichts. Aber ich denk schon darüber nach, wie es weitergeht.
agas: Trio wieder.
D.O.: Das weiß ich noch nicht so ganz sicher. Ich denke, ich werde einen Gastmusiker mit dazu nehmen. Ich es finde nicht einfach, jetzt noch eine dritte –
agas: Ja, das ist ja wie mit dem Rue Protzer, mit dem dritten langsamen Album.
D.O.: Ja, mit schwebt vor, einen Gastmusiker noch dazu zu nehmen. Aber das ist überhaupt noch nicht spruchreif. Ich habe weder irgendwen schon gefragt noch genaues geplant, aber ich bin mir relativ sicher, dass ich keine Trio-Platte als nächstes mache.
agas: Wie wäre eine Duo-Platte, nur mit Bass?
D.O.: Auch gut, gar nicht schlecht. Eine Duo-Platte könnte ich mir aber auch gut mit Klavier vorstellen.
agas: Auch, ja. Gut. Da musst du dich aber zurücknehmen.
D.O.: Mit Pianisten im Duo habe ich oft und gern zusammengespielt.
agas: Aber denk' mal an diese klassische Besetzung damals, Ralph Pena, Jimmy Guiffre, Jim Hall.
D.O.: Ja, ja,. Auch schön, ja.
agas: Schlagzeugloses Trio dann mal mit einem Holzbläser dabei. Das ist doch auch toll. Und wenn das ein guter Bassist ist, dann kann der ja allerlei auffangen.
D.O.: In so einer habe ich sogar eine Zeit lang gespielt, mit George Bishop, einem amerikanischen Saxophonisten und Klarinettisten, der in Braunschweig lebte, und André am Bass. George spielte in dieser Konstellation meist Bassklarinette. Inzwischen ist er leider verstorben.
agas: Ich finde das reizvoll, solche etwas ausgefallenere Besetzungen. Das finde ich schön.
D.O.: So eine Besetzung habe ich noch nicht ernsthaft erwogen. Für ein Duo mit Klavier, dafür habe ich ein gewisses Faible.
agas: Aber da müsstest du dich dann ja doch aufs Linienspiel zurückziehen.
D.O.: Ja, schon.
agas: Das würde ich schade finden, weil du den Leuten mit deiner Spielweise zeigst, dass man auf der Gitarre Sachen machen kann, die sie noch nie gehört haben und weil du eigentlich die linke und die rechte Hand des Pianisten auf die Gitarre transponierst. Für mich wäre das ein- Rückzug.
D.O.: Aber vielleicht würde das auch andere Seite zeigen, andere Möglichkeiten eröffnen.
agas: Ja, reizvoll! Ich finde immer Jazzgitarre und Klavier reizvoll.
D.O.: So ein Duo ist aber auch nicht das, was ich jetzt vor allen Dingen machen will. Da kamen wir nur drauf, weil du gefragt hast.
agas: Die wahrscheinlich berühmteste Platte in der Quartettbesetzung mit Klavier und Gitarre – Wes Montgomery und Wynton Kelly, "Smokin' at the Half Note". Das ist ein richtiges Power-Quartett. Das war ein Glücksfall, ohne große Vorbereitung… Klavier ist einfach toll…
D.O. : Klar. Ich muss mir das einfach noch überlegen. Im Augenblick schwebt mir die Trio-Besetzung plus Gastmusiker vor. Aber ob ich das in zwei Jahren so weit habe, weiß ich noch nicht. Nach „for a while“ habe ich in kurzer Zeit ein neues Programm für mein Trio geschrieben, Stücke, die jetzt auf „Inside Out“ dokumentiert sind und die wir bereits seit fast zwei Jahren live spielen. Ich mag das ganz gern, wenn man Stücke schon live gespielt hat, bevor man an eine Platte geht. Jetzt bin ich allerdings etwas hintendran; ich habe bisher kaum neue Stücke geschrieben. Da gibt es noch viel zu tun.
agas: [Lange Fragestellung zum Thema konzeptionellen oder intuitiven Schreibens].
D.O.: Ich würde mich eher als intuitiv bezeichnen, obwohl, so ganz voneinander trennen kann ich das auch nicht.
agas: In reiner Form gibt's das nicht.
D.O.: Nein, aber dann eindeutig doch eher intuitiv. Andererseits muss man sich auch hinsetzen um zu Ergebnissen zu kommen. Von allein geht das nicht.
agas: Oder kannst du dich jetzt hinsetzen, und da ist tabula rasa, nichts, ein leeres Blatt oder ein leerer Bildschirm, so à la "Heute mach' ich das mal so!"
D.O.: Nein. Wie du sagst, es ist meistens eine initiierende Idee da, und der Rest läuft von alleine. Das entwickelt sich dann –
agas: - Man braucht so 'ne Initial"zündung".
D.O.: Genau. Ich denke, das ist wichtig. Es kann vorkommen, dass ich monatelang gar nichts mache und dann innerhalb kürzester Zeit gleich mehrere Stücke schreibe.
agas: Ja, das meinte ich.
D.O.: Oft überlege ich mir auch, was für Stücke ich noch für ein bestimmtes Programm brauche, ein langsames, ein schnelles, was auch immer. So habe ich eine ungefähre Vorstellung davon, in welche Richtung es gehen soll –
agas: - dann greifst du zur Gitarre –
D.O.: und setze mich –
agas: - vor den Bildschirm?
D.O.: Nein, vor ein Notenblatt. Die Ideen fixiere ich dann meistens sofort und arbeite sie dann weiter aus.
agas: - Aber solche Kreativitätsschübe, die kennst du also auch.
D.O.: Ja. Und dann sagen die Kollegen, Mann, warst du wieder kreativ, weil ich gleich mit mehreren neuen Stücken ankomme [lacht].
agas: Und wann kommt die neue CD heraus?
D.O.: Ende Oktober. Am 30. 10. [recte: 30. 01. 10]
agas: Und – machst du da irgendwas in Braunschweig zu dem Anlass?
D.O.: Ich habe bisher nichts geplant.
agas: Machen sie doch alle heute. Wie nennt sich das noch –
D.O.: Release. agas: Release-Party, auch, ja. D.O.: Vielleicht frage ich mal meine Kollegen. So eine Release-Party hat gerade eine Braunschweiger Kollegin gemacht. Die hat da sogar einen Saal gemietet dafür… |
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