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Dietmar Osterburg: Das
Interview (nicht nur ) zu seiner neuen Trio-CD - Teil 1 |
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New Brunswick, Germany |
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Am 30. Januar erscheint endlich das neue Album "Inside Out"
des Dietmar Osterburg Trios. Aus diesem Grund, vor allem aber, weil agas schon
Dietmars 2007er Debüt "For a while" [hier]
für eine der wichtigsten, beeindruckendsten, ungewöhnlichsten und ganz gewiss
markantesten Veröffentlichungen im Bereich der Jazzgitarre nicht nur im
deutschen Raum hielt und hält, musste es ganz einfach zu dieser persönlichen
Begegnung mit dem Braunschweiger kommen, einem
"Kennenlern-Gespräch" in XXL - beträchtlicher Überlänge. Der
Umfang dieses Gesprächs, das agas ganz bewusst so wenig wie möglich
bearbeitet, geschweige denn gekürzt hat, zwang zur Zweiteilung. Deshalb
erscheint er erste Teil noch vor, der zweite Teil nur wenige Tage nach der
Veröffentlichung des neuen Albums. |
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agas: Die übliche "Hintergrundfrage" zuerst:
Musikalisches Elternhaus? D.O.: Ja, aber eindeutig klassisch orientiert. Mein Vater
war Musiklehrer am Gymnasium – agas: Ich glaube, ich weiß noch nicht mal, wie alt du
bist. In deiner Homepage-Bio steht es nicht – D.O.: Das stimmt. Auf der Homepage steht es nicht, aber du
weißt es. Ich erinnere mich, dass du damals, vor zwei Jahren, nachgefragt
hast im Zusammenhang mit dem "Album des Monats". Und da war ich 44.
Also jetzt: 46… Aber wie gesagt, mein Vater war Musiklehrer und Pianist, hat
Musik studiert. Meine Mutter war auch Lehrerin, an der Grundschule, und
ist bis heute aktiv als engagierte Geigerin. Und insofern - ich hab' noch
zwei Brüder - war es normal, dass man mit sechs, sieben Jahren
Instrumentalunterricht bekam. Mit sechs fing ich mit Blockflöte an und hatte
etwa ein Jahr Unterricht, danach, mit sieben Jahren, wechselte ich zur Geige.
Und dann habe ich tatsächlich zehn Jahre lang regelmäßig Geigenunterricht
gehabt und auch in Orchestern gespielt. agas: Aber das machst du jetzt gar nicht mehr, oder? D.O.: Nein, Geige spiele ich nicht mehr. agas: Und dann kam die große Geige… D.O.: Die große Geige? agas: Die ganz große. D.O.: Die ganz große, die kam ja erst später, als ich
schon Gitarre studiert habe.Ich war 27, da habe ich erst mit Kontrabass
angefangen. agas: Aber das hab' ich doch richtig verstanden, dass du
das noch aktiv machst, oder? D.O.: Allerdings. agas: Bei dem – D.O.: Bis vor kurzem bei dem Martin Weiss Ensemble.
Allerdings hat sich die Gruppe inzwischen aufgelöst, aber bis dahin war ich
für viele Jahre fest Bassist bei Martin Weiss. Jetzt mache ich das auch noch
weiter, mit dem Kussi Weiss. Ich weiß nicht, ob der Name dir was sagt – agas: Ja, tut er. Kussi war Gitarrist bei Martin Weiss, hatte vorher aber
schon sein eigenes Trio, in dem ich als Bassist spielte. Mit dabei ist noch
der Gitarrist Tschabo Franzen und ein ganz jungen Akkordeonist, Hugo Richter…
Der lebt, glaube ich, bei Dortmund… Der ist 19! agas: Das hat dann mit Gypsy Swing oder Jazz gar nicht so
viel zu tun , oder? D.O.: Doch, doch, das ist Gypsy Swing. Die Band heißt
Gypsy Connection. agas: Mit Akkordeon? D.O.: Ja, mit Akkordeon oder auch Klavier. Hugo
spielt beides und wechselt bei den Konzerten. Manchmal spielen wir auch
nur im Trio, Kussi, Tschabo und ich am Bass. Also, da sind wir nach wie vor
aktiv. agas: Dann hast du früh angefangen, Gitarre zu spielen? D.O.: Mit der Gitarre angefangen habe ich so mit 18. Bis
dahin hatte ich Geige gespielt. agas: Und wenn man sich erst mal die Fingerfertigkeit
eines Geigers erworben hat – D.O.: Na ja, gut, das fällt natürlich immer leichter, wenn
man ein zweites Instrument – agas: - Da fällt mir immer Elek Bacsik ein. Kennst du den? D.O.: Nein. agas: Das ist ein Gypsygitarrist gewesen, der
immer auch als Geiger aktiv war und dann, in Frankreich eine Trioplatte
gemacht hat, auf der so Gitarre spielte, wie ich glaubte, dass das nur Leute
könnten, die auch Geige spielen…. diese Lauftechnik und so… D.O.: … Na, das ist natürlich klar, wenn man Geige
gespielt hat und dann umsteigt auf Gitarre… Ich hatte schon das Gefühl,
dass es ziemlich schnell voranging. Wobei ich die ersten Jahre Gitarre
hauptsächlich autodidaktisch gelernt und noch nicht wirklich verstanden
hatte, was man alles lernen und können muss, um wirklich Jazz zu spielen. Das
dauerte dann doch noch ein paar Jahre, bis es mich wirklich gepackt hatte und
ich anfing, ernsthaft Jazzgitarre zu spielen. Auslöser für mein Interesse an
Gitarre und Jazz war damals eine Schülerband, die eigene Stücke und Jazz
spielten. Das hat mich umgehauen, muss ich sagen. agas: Eigene Stücke. D.O.: Ja, keine Standards, sondern komplett eigene Stücke,
das fand ich schon toll, und den Gitarristen kannte ich, denn er war zufällig
auch Geiger, der genau in dem Orchester mitgespielt hatte, in dem ich auch
gespielt habe – agas: - Ist ja witzig! – D.O.: Ja, das war so ein echter Multiinstrumentalist, der
dann später auch noch Klavier gespielt hat. Das war für mich das Erlebnis,
diese Band zu hören. Ich habe den Gitarristen gefragt, ob er mir ein paar
Unterrichtsstunden geben kann, und der hat mir dann meine ersten Akkorde
gezeigt und dass man auch improvisieren kann. agas: Ja, aber wie, wie – Improvisieren zu vermitteln
stell' ich mir sehr schwer vor. D.O.: Na ja, wir haben einfach viel zusammen gespielt. Und
zu Hause habe ich mir ein paar Akkorde auf dem Kassettenrekorder
aufgenommen und dazu gespielt, nur nach Gehör. Das war mein Einstieg. Und ich
habe schon sehr früh damit angefangen, eigene Ideen aufzuschreiben. agas: Ist schon komisch, oder? Ich meine, für jemanden,
der so ganz und gar aus der klassischen Tradition kommt, die doch im Grunde,
ohne dass das abwertend gemeint wäre, im Wesentlichen eine reproduktive Kunst
ist… D.O.: Ja, natürlich. Ich wusste bis dahin ja auch nicht
viel über Harmonielehre. In der Schule wurde das wohl irgendwann mal
besprochen, aber damit wirklich umgehen konnte ich nicht. Er hat
mir dazu einiges erklärt, und zu Hause habe ich mir dann nach diesen
Regeln Akkordfolgen ausgedacht, aufgenommen und dazu gespielt. Wenn wir
zusammen gespielt haben konnte ich immer nur staunen über die Akkorde, die er
spielte, 7/9er z.B., die kannte ich alle noch nicht und habe mir vieles
abgeguckt. agas: Ich hab damals richtig Bücher gewälzt, Fred Harz,
"Fibel des Jazzgitarristen" und solche gewichtigen Sachen… D.O.: Ja, natürlich habe ich dann später auch ganz andere
Wege beschritten. Das hier, das waren ja die ersten Jahre, in denen ich auch
wirklich viel für mich selber probiert habe. Ein bisschen die Initialzündung
neben der Schulband und war auch, dass der besagte Gitarrist - Alexander
Meyen heißt er übrigens und ist heute, soweit ich weiß, hauptsächlich als
Geiger und Komponist im Kölner Raum tätig - mir Aufnahmen von Pat
Metheny vorgespielt hat, und zwar „Watercolors“. Das gefiel mir sehr, und Pat
Metheny war mein Zugang zur Jazzmusik. Ich habe die ersten Jahre
sehr viel Pat Metheny gehört und habe versucht, vieles davon
nachzuspielen. agas: Aber so furchtbar viel Metheny steckt bei dir doch
heute gar nicht mehr drin. D.O.: [Lachen]. Das ist immer meine Angst. Denn sowas hört
man ja öfter mal: klingt wie. Und wenn man dann noch angeblich klingt
wie der und der und der und der – die Bandbreite ist bei mir manchmal so
groß, dass ich das nicht so ganz ernst nehmen kann. Ich selbst kann das natürlich
nicht sooo genau beurteilen, aber ich glaube schon, dass Pat Metheny
ein bisschen mit drin steckt. Aber ich freu' mich natürlich, wenn man
das nicht so hört. agas: Na ja, ich höre natürlich vor allem, was an
Osterburg drin steckt – D.O.: Das ist perfekt. Das ist ja schließlich auch, worauf
es vor allem ankommt. agas: Ich finde auch die Einstellung, den Sound so klasse.
Man kommt sich vor, als säße man mit drin im Studio und hat das Ohr direkt
dran und kann hören, wie du über die Saiten gehst – D.O.: Genau das wollten wir auch; das sollte so sein. Es
sollte nicht so geschleckt und glatt sein. agas: Wunderbar, einfach wunderbar, dass es nicht
glatt poliert ist, sondern naturbelassen. Und das spricht ja eben auch sehr
stark an. Wie sieht denn das überhaupt aus mit der ersten Platte, so
verkaufsmäßig? D.O.: Eher bescheiden. Ein paar hundert vielleicht… Auf
Konzerten verkaufe ich die CD immer ganz gut, dann gehen oft so zehn, 15
weg. Das finde ich sehr erfreulich, wenn die Zuhörer nach dem Konzert
kommen und eine CD kaufen, nicht nur ein, zwei, sondern wirklich eine ganze
Reihe von Leuten. Über NRW [das Label NRW Records] werden auch einige
verkauft. agas: Was hast du damals eigentlich überhaupt so gehört? D.O.: Damals, vor meinem Interesse für Jazz , habe ich
Bands wie Pink Floyd oder Genesis gehört, wobei Genesis noch
keine Popband war, sondern eher Art-Rock. Bei Pink Floyd war das
ähnlich. Die haben sich ja beide später in Richtung Popband entwickelt. agas: Also war Pat Metheny dein… erster Guru… D.O.: Ja, das kann man so sagen. Ich hab aber natürlich
immer noch herumgeguckt, wen es sonst noch gibt. Abercrombie habe ich relativ
früh schon entdeckt, und er ist auch bis heute noch einer meiner
Favoriten. agas: Ach, guck mal an. D.O.: Ja, das ist ein Gitarrist, den ich sehr, sehr mag.
Er hat ja auch eher Fusion-orientierte Poweralben gemacht in den siebziger
Jahren. Aber jetzt ist er einer, der sehr verhalten spielt, sehr
bescheiden, mit einem feinen Ton, aber gleichzeitig mit so viel Energie. Das
finde ich einfach bewundernswert. agas: Hast du viele Gitarristen gehört? D.O.: Ja, viele Gitarristen. Neben Gitarristen waren meine
Favoriten immer Pianisten. Bill Evans zum Beispiel, den ich rauf und runter
gehört habe, wie verrückt. Oder das Keith Jarrett Trio, vor allem die
"Standards"… agas: Bill Evans, ein Gigant… D.O.: Ja, das ist wirklich unglaublich, gerade die
Sechziger-Jahre-Aufnahmen mit Scott LaFaro…Sehr, sehr gut. Das war für mich auch
eine Motivation, Bass zu spielen, das wollte ich auf dem Bass auch machen.
Ich mag dieses offene Spielen, die Interaktion, wenn Bass und Schlagzeug
nicht auf die Funktion einer begleitenden Rhythmusgruppe beschränkt sind
sondern alles miteinander verwoben ist und sich aufeinander bezieht. Von Jim
Hall gibt es auch so eine Aufnahme, die in diese Richtung geht. Überhaupt ist
Jim Hall bis heute einer meiner Lieblingsgitarristen. agas: Jim Hall?! D.O.: Ja…. und das besagte Album, das bis heute zu meinen
Favoriten zählt, ist von 1975, "Live" heißt es, wenn ich mich
richtig erinnere. Das Album wurde jedenfalls in Toronto aufgenommen und war
mit Don Thompson am Bass und Terry Clarke am Schlagzeug. Jim Hall habe ich
zwar schon recht früh gehört, aber trotzdem erst spät für mich entdeckt. Ein
Kollege hatte mir Jim Hall vorgespielt, genau die Aufnahmen, die heute zu
meinen Lieblingsaufnahmen gehören, und ich fand es furchtbar. Das finde ich
faszinierend. Ich konnte damals damit nichts anfangen. Kein Chorus, kein
Delay wie ich es von Metheny kannte, das war einfach der klassische
– agas: - Der klassische Mainstream-Sound. D.O.: Genau. Und ich konnte nichts anfangen damit. Ich
fand's furchtbar. Und nun gehören diese Sachen zu meinen
Lieblingsaufnahmen, bis heute. Das kam dann erst viel später, dass ich
Jim Hall wirklich für mich entdeckt habe. agas: Mir fällt auf, dass die jüngere Generation – ich
meine nicht dich; du bist ja vergleichsweise schon ein älterer Herr, sondern
die 20, 25jährigen heute – nun Wes Montgomery entdeckt. D.O.: Habe ich natürlich auch. agas: Ja, aber das ist schon eine Generationsfrage. Der
ist gestorben '68, und dann war eigentlich erst mal zehn Jahre lang Ruhe, da
war gar nichts mit Wes, und dann ging das los mit ein, zwei Gitarristen, die
so spielten. Na gut, Benson hat das sowieso schon gemacht; ich meine aber
die, die sich sozusagen als Wes-Fans geoutet haben mit Hommagen, die sie
eingespielt haben. Und dann ging das los. Da war die Generation offenbar
herangewachsen, die von ihren Lehrern gesagt bekam, den müsst ihr hören. Und
heute gilt Wes als so groß wie nie zu Lebzeiten. D.O.: Das habe ich auch gesagt bekommen. Den muss
man sich anhören. Habe ich auch, habe Soli 'rausgehört und gespielt. Sehr
interessant, aber als Vorbild würde ich ihn für mich in keiner Weise
einordnen. Vielleicht insofern, als er immer etwas aussagt, wenn er Solo
spielt; er hat einfach eine gewisse Tiefe, wenn er spielt. Da ist er
sehr stark. agas: Du musst ihn auch sehen. Ich hab' in den sechziger
Jahren gesehen, wie er hier in Hamburg im NDR-Workshop bei Hans Gertberg war,
mit Dexter Gordon, glaub' ich, und ich hab ihn auf DVD, und das ist unglaublich.
D.O.: Ja, klar, er war ein phantastischer Musiker. agas: Man kommt nicht dran vorbei. Es ist auch nicht so,
dass ich mir ihn übers Bett nageln würde, weil meine Idole andere sind, genau
genommen eine Generation früher, Barney Kessel. Das ist einfach 'ne
Lebensliebe geworden. Ich mag da einfach die Energie und vor allem das
Timing. Übrigens hat sogar Wes Montgomery gesagt, dass niemand besseres
Timing hätte als Barney. Mir gefällt einfach diese Westcoast-Kraft… Aber
natürlich ist das von heute aus gesehen ziemlich alter Kram. Inzwischen hat
sich so unglaublich viel getan, dass mir das einfach imponiert, dass Leute
wie Wes Montgomery, na ja, "epochenübergreifend" sind. Mich
fasziniert überall, auch in der Literatur, in der Malerei, auch im Theater
das ,was man "klassische Moderne" nennt, modernism, also die
erste Generation nach Christian. Wie der "Guitar Player" das mal
nannte: the golden age of jazz guitar. Aber an Barney und einigen
anderen aus der Zeit finde ich einfach faszinierend, dass die zwar glühende
Verehrer von Charlie Christian waren, aber gesagt haben, so, jetzt ist mal
Schluss mit dem ewigen Klangideal to sound like a horn und sich
am Klavier orientiert haben. Interessant. Ja, so wie du spielst. Du
spielst ja so pianistisch, das ist ja unglaublich. D.O.: [kleines Lachen]. So bewusst ist mir das gar nicht.
Ich habe das jedenfalls nicht bewusst so angelegt. agas: Und bei dir geht das auch so affenartig schnell, wie
du von der Linien-Phrase umsteigst zu Akkorden – D.O.: - ja… agas: Das ist einfach unglaublich. Das ist ganz was Besonderes,
und das ist ein Stil, der für mich das Höchste ist, was man auf der
Jazzgitarre erreichen kann. Weil du beides bist, horizontaler und
vertikaler Spieler, linear und akkordisch, und zwar in einer
Konsequenz, die … ich meine, viele machen das ja im Ansatz, aber eben nicht so.
D.O.: Aber im Trio, finde ich, sollte man auch versuchen,
alles zu machen. Wenn man da nur linear spielt… agas: Na ja, das wäre bei den "Poll Winners"
auch gar nicht möglich gewesen. Das war eben nur durch diesen auch akkordischen
Stil… So, und wie geht's weiter? D.O.: Wie es weitergeht? Als ich durch war mit Schule,
Abitur und anschließendem Zivildienst bin ich nach Hamburg gegangen zum
Studieren, Germanistik und Theologie für Lehramt am Gymnasium– agas: Ach, in Hamburg! D.O.: An der Uni in Hamburg, ja. Da habe ich einige Jahre
studiert. Und in Hamburg hatte ich dann sehr guten
Gitarrenunterrichtunterricht. Zuerst für etwa zwei Jahre bei Thomas
Bostelmann, der ein sehr konsequentes Unterrichtskonzept hatte. Alles über
Tonleitern, technische Übungen, Umkehrungen, Akkorde. Da zehre ich heute noch
von, muss ich sagen. agas: Bis du eigentlich ein skalenorientierer Mensch? D.O.: Ich habe Skalen sehr viel in allen Variationen
geübt, das fließt natürlich auch in mein Spiel ein. Mindestens genauso
intensiv habe ich mich aber mit Arpeggien beschäftigt, was eigentlich
für mich noch wichtiger war… agas: Ich habe für mich immer gedacht: Wenn man
einen Akkord "abwickelt", hat man ja auch eine Skala. D.O.: Genau. Ich denke letztlich eher akkordisch, ich
denke den Akkord und dazu die entsprechenden Intervalle. Ich habe
Skalen geübt, die sitzen gut in den Fingern, aber auf dem Griffbrett denke
ich viel mehr in Intervallen, in Akkordstrukturen. Das macht viel Arbeit. Ich
merke das immer an meinen Schülern. Die tun sich schwer. Nur wenige beißen
sich da durch. agas: Unterrichtest du auch privat? D.O.: Wenig. Vor allem unterrichte an einer Musikschule,
der Städtischen Musikschule in Braunschweig, außerdem habe ich einen
Lehrauftrag an der Universität in Braunschweig. Mit Arpeggien jedenfalls habe
ich mich gleich zu Anfang bei Thomas Bostelmann sehr intensiv beschäftigt,
und das war für mich ein Aha-Erlebnis. Als ich zu ihm kam konnte ich schon
ein paar Standards spielen. Wir haben „Blues For Alice“ gespielt, Thema und
Akkorde funktionierten ganz gut, aber darüber zu improvisieren fiel mir nicht
gerade leicht. Thomas hat mir daraufhin die Aufgabe gegeben, nur die
Akkordtöne für die Improvisation zu verwenden. Also habe ich mir die
passenden Fingersätze gesucht und mich dann geradezu auf diese Aufgabe
gestürzt, weil ich merkte, dass plötzlich die Akkorde alle zu hören waren.
Das Ergebnis war sozusagen eine improvisierte Arpeggien- Etüde. Das war
anfangs gar nicht so einfach bei den vielen Changes in dem Stück, und Thomas
hatte mir keine Fingersätze vorgegeben, die musste ich alle selbst
herausfinden. agas: Ich glaube, das Dogmatische in der Gitarrendidaktik
ist auch vorbei. Als ich das "Gitarrenbuch" schrieb, Ende der
Siebziger, da habe ich festgestellt, dass das alles viel liberaler geworden
ist und viele renommierte Spieler als Lehrer gar nicht mehr daran dachten,
Fingersätze oder sonst was vorzugeben, sondern gesagt haben: Mach' das so,
wie es für dich am besten ist. D.O.: Aber daneben haben bei Thomas Tonleitern trotzdem
immer auch eine wichtige Rolle gespielt. Tonleitern in Intervallen, als digital
patterns usw., Das war schon eine gute Schule. Und ich habe das sehr
konsequent durchgezogen, weil ich gemerkt habe, das bringt mich weiter, und
habe sehr viel geübt in dieser Zeit. agas: Wie hast du das denn finanziert? Hast du damals
schon von der Musik gelebt, oder wie? D.O.: Nein. Ich hatte zwar selbst einige Privatschüler und
konnte damit vor allem meinen eigenen Gitarrenunterricht – neben
E-Gitarrenunterricht hatte ich Stunden für klassische Gitarre genommen -
finanzieren. Für mein Studium, das ich neben meinen musikalischen
Aktivitäten durchaus ernsthaft betrieben habe, erhielt ich aber eine
finanzielle Unterstützung von meinen Eltern. Außerdem hatte ich auch
einige Bands, zum einen eine Swing-Combo mit Sängerin, mit der wir regelmäßig
gespielt haben, zum anderen eine Fusion-Band. Daneben habe ich immer auch
versucht, mich um eigene Projekte zu kümmern. agas: Seid ihr mit der Band mit der Sängerin nicht auch
ganz schön herumgekommen? D.O.: Wir haben hauptsächlich in Hamburg und Umgebung
gespielt. Um noch mal zum Unterricht bei Thomas zurückzukommen: Wir haben
natürlich nicht nur Technik gemacht, er hat mir auch viele Gitarristen
vorgespielt. Von Mike Stern hat er mir einmal ein höllisch schweres Thema
vorgespielt – mit Jaco Pastorius am Bass – das ich transkribiert habe.
Überhaupt habe ich viel transkribiert in der Zeit, nicht nur Gitarristen,
auch Soli von Saxofonisten wie Coltrane oder Brecker. Und viele Jazzstandards
habe ich kennen gelernt. Ich weiß noch, dass ich am Anfang dachte:
Jazzstandards, was soll ich mit Jazzstandards. Interessiert mich nicht.
Verrückt, nicht? Hat mich nicht interessiert. Was soll ich damit, ich will
meine eigenen Sachen machen. agas: Das liegt wahrscheinlich daran, dass man da noch
nicht begreift, dass der Jazz schließlich sich auch evolutionär entwickelt
und die Dinge doch zusammengehören. D.O.: Ja, natürlich. Und ich habe das später ja auch alles
gemacht, und ich bin froh. Ich liebe ja auch, Standards zu spielen. agas: Wie mit dem Blues. Den musst du auch drauf haben.
Ohne den geht im Jazz ja auch kaum was… Im modernen Jazz, okay. Da glaube
ich, dass der immer mehr an die Neue Musik heranrückt und sich da die Grenzen
immer mehr vermischen. Da gibt es zum Teil sehr interessanter, aber zum Teil
auch schreckliche Sachen. Moderner Mainstream, das ist mein Ding. Deins doch
eigentlich auch. Zwar sehr modern, aber mit einem Bein eben doch immer noch
im Mainstream verankert. D.O.: Ja, stimmt. Sehe ich auch so. agas: Und ich finde das schön, dieses Janusköpfige, die
Chance für neue Synthesen…. So, und in Hamburg hast du in einer Kommune gelebt
oder alleine oder wie? D.O.: Ganz unterschiedlich. Anfangs habe ich für ein Jahr
in einem Studentenwohnheim gelebt, dann in einer WG, und zuletzt in einer
kleinen Einzimmerwohnung in Barmbek. agas: Wie lange war Hamburg insgesamt? D.O.: Vier Jahre, ich habe acht Semester dort
studiert… agas: Dann Abschluss in Hamburg? Und dann? D.O.: Ich habe das Studium abgebrochen und mich von
Hamburg aus an Musikhochschulen beworben. Bei meinem zweiten Lehrer, Richard
Schumacher, habe ich mich für die Aufnahmeprüfung vorbereitet. agas: Wie bist du an ihn 'ran gekommen? D.O.: Durch eine Kleinanzeige im Stadtmagazin. Ich kannte
ihn vorher nicht. Das Gute bei Richard Schumacher war, dass er die Defizite,
die ich da noch hatte, genau gehört hat. Wir haben viel und sehr genau an
Timing-Sachen gearbeitet, am Soloaufbau und motivischer Arbeit, an
Komposition. Und er hat mich dazu angehalten, verstärkt meine eigenen Ideen
zu entwickeln. Ganz zentral war außerdem die Gehörbildung. Gut kann ich mich
vor allem an die Aufgabe erinnern, jeden Tag etliche Notenblätter voll zu
schreiben mit Melodien, die ich auf den Silben do, re, mi, fa usw.
gleichzeitig in time singe und notiere. Dabei sollte ich noch darauf
achten, bestimmte Spannungsbögen, Stimmungen oder Motive zu erzeugen. Eine
Methode, die Richard aus Berklee hatte. Jeden Tag zehn, zwanzig Seiten. Das
hat mir gut gefallen. agas: Aber du warst ja sowieso schon ein guter Notist. D.O.: Ja, ich habe ja auch alle Soli, die ich bei Thomas
und auch später rausgehört habe, aufgeschrieben. agas: Darum beneide ich dich schon. Das ist schon toll.
Und offensichtlich ist es wirklich von Vorteil, wenn man eine klassische
Ausbildung genossen hat. D.O.: Ja, das sicher ein Vorteil, auf jeden Fall. agas: Sight reading. Das ist schon super. Also kann
man eigentlich sagen, dass der Weggang von Hamburg und der Einstieg ins
ausschließlich musikalische Berufsleben eins waren. D.O.: Ja. Zwar noch das Studentenleben, aber es ging nur
noch um Musik. agas: Und von Hamburg ging's dann nach? D.O.: Hilversum. Ich war ein Jahr in Hilversum. agas: Und wieso da gerade hin? D.O.: Weil ich da die Aufnahmeprüfung geschafft habe. Ich
hatte es noch in Köln und in Hannover versucht, aber keinen Studienplatz
bekommen. agas: …Köln - bei Frank Haunschild? D.O.: Damals war da, glaube ich, Eddie Marron. agas: In Hannover auch, sagtest du. D.O.: Ja, in Hannover habe ich Aufnahmeprüfung gemacht.
Vorher war ich bei Thomas Brendgens und habe ihm vorgespielt. Ich
konnte mich gar nicht einschätzen und wusste nicht ob er sagen würde:
Um Gottes Willen, vergiss es oder Ja, probier's mal ruhig. In dem Jahr war
dann aber in Hannover kein Studienplatz frei, da Thomas nur über eine
begrenzte Stundenzahl verfügt. Aber es kam wohl gut an, was ich da gespielt
habe. Ein Coltrane-Stück mit den typischen Coltrane-Changes war dabei. agas: Giant Steps – D.O.: So was in der Art, eher noch etwas
komplizierter. agas: Noch komplizierter! D.O.: Ja, noch komplizierter, also schon diese Changes,
aber über die Form von "Confirmation". Ich hatte das aus einem Heft
von Aebersold, „26-2“ hieß es, 32 Takte durch Coltrane-Changes. Aber ich
hatte das vorher jeden Tag gespielt, ich konnte das im Schlaf. Aber genommen
haben sie mich trotzdem nicht [lacht]. Da musste ich nach Hilversum. Aber ich
war froh, dass ich erst mal einen Einstieg hatte. agas: Wer waren deine Lehrer? D.O.: Henk Sprenger, ein studierter Klarinettist, der auch
gut Gitarre spielen konnte. Viele Erstsemester-Studenten fingen bei ihm an.
Total netter Typ, ich hab' mich sehr gut mit dem verstanden. Er sagte
immer: Du kannst ja besser spielen als ich [lacht]. Das war insofern etwas
kurios. Aber in Hilversum konnte ich eine Menge lernen. Und Henk hat mir
empfohlen, vor allem viel zu spielen. agas: Gab's in Hilversum denn auch Möglichkeiten, draußen
zu spielen? D.O.: Ja, aber es war schwierig. Es gab einen Jazzklub, da
hat man mal kleine Sachen vorgestellt, meist mit anderen Studenten.
Dort fanden außerdem regelmäßig Sessions statt, bei denen aber meist die
Dozenten spielten, was natürlich auch ganz interessant war. Sonst habe ich
aber sehr viel mit meinen Kommilitonen im Übungsraum gespielt, das war immer
möglich. Leider gab es in Hilversum überproportional viele Gitarristen,
Bassisten dagegen waren eher rar. So habe ich auch sehr viel mit
Gitarrenkollegen im Duo gespielt, wenn die Basskollegen ausgebucht waren. Und
der zweite Nachteil war der, dass die meisten holländischen Studenten ihre
eigenen Bands hatten und daher am Wochenende immer alle weg in ihren
Heimatorten waren oder Gigs spielten. Bei vielen deutschen Studenten war das
ähnlich. Die waren oft am Wochenende weg und hatten ihre Bands. Ich
hatte dagegen alle Zelte in Hamburg abgebrochen und in der Zeit keine feste
Band. agas: Was mir vorhin schon fragen wollte: Gibt es
eigentlich so was wie eine erwähnenswerte Braunschweiger Jazzszene? D.O.: Also, es gibt viele gute Jazzmusiker, die aus
Braunschweig kommen, die in Braunschweig oder in der Umgebung geboren sind,
die aber leider nicht mehr in Braunschweig leben. Daher ist die Szene sehr
übersichtlich. Otto Wolters ist ein bekannter Pianist und war viele Jahre
Piano-Dozent in Hannover; den kenne ich auch ganz gut. Und natürlich meine
Kollegen André [Neygenfind, b] und Eddie Filipp. Pianisten haben wir einige
gute, ebenso Saxofonisten, die Kollegen von der Jazzkantine. Bei Blechbläsern
wird es schon schwieriger. agas: Gibt's einen Jazzklub? D.O.: Ja, die "Bassgeige" zum Beispiel, ein
kleiner Klub, mit viel Engagement und Liebe betrieben von Bolle. Ich freue
mich immer, wenn ich dort spielen kann. Vielleicht hundert Leute passen rein,
zur Not auch ein paar mehr, dann ist er auch schon voll. Aber sehr gemütlich,
sehr angenehm. Sonst gibt es noch die Musiker-Initiative, die Konzerte
mit internationalen Größen, aber immer wieder auch mit deutschen Jazzmusikern
veranstaltet. Ich durfte da auch schon zweimal spielen. agas: Zurück nach Holland. D.O.: Wieder nach Holland? Also wie gesagt, die Situation
war schwierig, da ich hatte dort keine feste Band hatte und auch wenig
Gigs. agas: Weil du doch eigentlich viel spielen solltest. D.O.: Na ja, gut, ich habe viel Sessions gespielt, und
auch zu Hause mich weniger mit technischen Übungen beschäftigt, sondern viel
zu Play-Alongs gespielt. agas: Wann hat sich eigentlich dein ja sehr eigenwilliges
harmonisches Konzept entwickelt, falls man das überhaupt so fragen kann? Bei
dir scheint die "normale" Harmonielehre ja gar nichts mehr zu
nützen. D.O.: Ich glaube, in Hilversum habe ich damit angefangen,
mich mit verschiedenen Möglichkeiten der Akkorde zu beschäftigen. Angeregt
war das durch Mick Goodrick. Der hat eine Schule rausgebracht, "The
Advancing Guitarist", in der die verrücktesten Akkorde standen,
auf die ich im Leben nicht gekommen wäre. agas: Ich meine gar nicht die Akkorde, sondern die
Changes, die harmonischen Abläufe, die ja auch unglaublich bei dir sind. D.O.: Später. agas: Weil die ja sehr frei sind. D.O.: Das war später, als ich mein Studium in Hannover
fortsetzte. Dort hatte ich mein erstes Trio, für das ich die Stücke
geschrieben habe. Für interessante, ungewöhnliche Akkordfortschreitungen
habe ich mich schon immer begeistern können. Da habe ich viel ausprobiert und
versucht, das für das Trio kompositorisch umzusetzen. agas: Sag mal, und bei den Akkorden – nutzt du da auch
Leersaiten? D.O.: Manchmal ja. In einem Stück experimentiere sogar
ganz gezielt mit Leersaiten, in "Asken" [auf der neuen CD
"Inside Out"]. Sowohl im Thema als auch in der Begleitung, die zum
Teil improvisiert ist, verwende ich sehr viele Akkorde mit Leersaiten. |
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- wird fortgesetzt |
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