Ein Debüt, das viel Zukunft verheißt: das Andres Böhmer Quartett

 

Feine Antennen

 

Dass der bekannte Leipziger Jazzexperte und -kritiker Bert Noglik das Quartett unlängst im Deutschlandfunk lobte als besonders originelles junges Jazz-Projekt, da war das kein Allgemeinplätzchen, keine heiße Luft. Noglik, seit eh spezialisiert auf modernere Jazzklänge, weiß immer, wovon er spricht. Er ist ernst zu nehmen und in seinem Urteil ganz und gar vertrauenswürdig, wie sich das für eine hoch geschätzte Autorität - schon lange zu DDR-Zeiten - gehört. Was er sagte, trifft genau.

 

Das Andres Böhmer Quartett - ja, er heißt Andres, nicht Andreas. Andres! - legt mit "Plane to Bukarest" [Neuklang NCD 4020] ein wohlgeratenes Debüt vor, das diese Gruppe mit Marcus Horndt, keyb/edits, Lars Födisch, b, und Martin Greule als glänzend "funktionierenden", lebendigen, intelligenten und erstaunlich reifen Klangkörper zeigt. Födisch und Horndt spielen in eigenen Gruppen, in diesem Quartett musizieren sie seit Ende 2002 zusammen. In seiner Homepage nennt der junge Gitarrist als "zentralen Spielinhalt" vor allem "die rhythmisch erfrischenden, liedhaften und doch harmonisch besonderen Kompositionen von Andres Böhmer".

 

Den Trip nach Rumänien, dem der Titel für die CD und den dritten Titel des Albums entsprang, nennt er locker eine "Abenteurreise". Ganz offenbar aber bot der Ausflug in diese vormalige terra incognita etliche Anstöße für neue Kompositionen, wie sie nun auf "Plane" zu hören sind.

 

Im Telegrammstil zu Andres: In Ost-Berlin geboren; Vater Kirchenkantor; als Siebenjähriger Klavierunterricht. 1991 ins schwedische Uppsala; seit 1993 in Jena zu Hause; 1996 bis 2002 Studium der Jazzgitarre an der Musikhochschule Leipzig. Auslandsauftritte mit "Acoustique Express" und dem Andres Böhmer Quartett. Erste stilistische Orientierungen machten sich an Pop im Stile John Lennons fest, dann an Rock, Ska und weiter an Gypsyswing und Gypsyfunk bis zum Jazz mit Dauer-Hang zu folkloristischen Musiken.

 

Entsprechend vielseitig das Album. Wer's funky mag, wird "Grandfather's Bulldozer" mögen. Wer es jazziger liebt, wird den Titel-Track zu goutieren wissen. Wer die künstlerischen Qualitäten aller Quartett-Mitglieder erkennen will, wird das am besten über die ruhigeren Titel "Rapunzel", "Schnee in Berlin" und "Reif In Der Stube" (sic) können. Und wer den zehnten, also den Schlusstitel hört, wird endlich in Worte fassen können, was er die ganze Platte hindurch erfühlt, aber nicht in den Kopf transportieren konnte: Es sind die reizvoll exotischen Zusammenklänge der häufig fast wie ein Vibraphon klingenden Keyboards und der Gitarre, die die Jenaer Gruppe nolens volens in die Nähe Gary Burtons rückt - eine gewisse Schwerelosigkeit dank der höhere Register. Dass Andres' Gitarrenton zuweilen der übliche mitteldünne Ton des neueren Jazz ist, ist verschmerzbar, weil Böhmer auf der CD genug Gelegenheit zur Demonstration seines weiten musikalischen Horizonts hat und nutzt. Er ist ein ernst zu nehmender Gitarrist, dem man anhört, dass er immer genau weiß, was er will und der stilistisch offenbar schon erstaunlich gefestigt ist. Er ist kein musikalischer Extremist, kein Stürmer und Dränger, sondern - das gilt für die anderen drei ganz genau so - ein in der Wolle gefärbter junger Lyriker mit feinen Antennen, den die weicheren Strömungen im breiten Fluss des modernen Jazz mehr interessieren als die ach so coolen mit den harten Konturen.

 

Man sollte das Andres Böhmer Quartett im Auge und im Ohr behalten. Nach diesem Debüt darf man sich noch auf allerlei interessante und schöne Überraschungen erhoffen.

 

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